Aufsatz 
Zur Charakteristik Fenelon's / E. Scholderer
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pfunden habe, aber dem moraliſchen Zwang den Roſe auf ihn ausübte nicht habe widerſtehen können. Man brachte ſie ſelbſt nach la Trappe, damit der hochverehrte Rancé ſein Urtheil über ſie abgebe. Später wurde ein durch ſeine mannichfaltigen Kenntniſſe und ſeine abenteuerlichen Streitigkeiten mit der vorgeſetzten Kirchenbehörde bekannter und viel erwähnter Pfarrer, Namens Thiers, mit ihrem Verhöre beauftragt; dies muß nicht ohne Schwierigkeiten geweſen ſein, nach der Antwort zu ſchließen, die ihm Roſe auf die erſte an ſie gerichtete Frage gab: Etes-vous mariée?Je ne m'en souviens pas. Als ihre Wirkſamkeit gefährlich zu werden drohte, ward der Erzbiſchof von Noailles bedenk⸗ lich und verwies ſie aus Paris, ohne ihren Einfluß brechen zu können. Sie zog ſich nach Annecy zurück, wohin ihr ein junger Mann folgte, der, um ihrer Unterweiſung nicht entbehren zu müſſen, auf Vermögen und militäriſchen Rang verzichtete.

Man ſieht, wie dies die Vorläufer jener ſchwärmeriſchen, dem Janſenismus zugethanen be⸗ geiſterten Menſchen waren, die in dem folgenden Jahrhundert die Wallfahrten zum Grabe des Diacre Paris hervorriefen. Wenn dieſes nun ſtatthaben konnte bei den Janſeniſten, deren Reform die Fran⸗ zoſen neuerlich den franzöſiſchen Lutheranismus nicht ohne Recht zu nennen belieben, ſo iſt leicht zu begreifen daß unter der den Janſeniſten entgegengeſetzten Partei noch weniger jenem Zeitſtrom des Myſticismus Widerſtand geleiſtet werden konnte. Bei dieſen bildet die Seele und Quelle der quietiſtiſchen Beſtrebungen wieder eine Frau, die berühmte, oder will man lieber berüchtigte Frau von Guyon.

Frau von Guyon oder de Lamotte-Guyon war, nach kurzer Ehe Wittwe, mit Lacombe, einem der quietiſtiſchen Lehre anhängenden Prieſter, bekannt geworden, der ſie gänzlich für ſeine Ideen gewann. Es dauerte aber nicht lange, ſo war aus der Schülerin die Meiſterin geworden und er ſpielte neben ihr eine unbedeutende Rolle, wenn auch ſeine Schriften, noch ehe die Verfolgung der Frau von Guyon begann, von Rom aus eines verdammenden Urtheils für würdig gehalten wurden. Frau von Guyon hielt ſich ſeitdem an verſchiedenen Orten auf. Zuerſt in Gex in einer religiöſen Gemein⸗ ſchaft, die die Bekehrung von Proteſtantinnen zum Zweck hatte und ſich les nouvelles catholi- ques nannte. Dort verzichtete ſie, dem Andringen ihrer Freunde nachgebend, auf einen Theil ihres Beſitzthums zu Gunſten ihrer Familie, gerieth aber bald mit dem Biſchofe von Genf, in deſſen Diöceſe Gex lag, in Mißhelligkeiten, weil ſie nicht den Reſt ihres Vermögens an die nouvelles catholiques abgeben wollte. Sie verließ das Kloſter und gieng dann von einem Ort zum andern, nirgends Befriedigung findend, bald die dicke Luft hier, bald die Geſellſchaft dort nicht vertragend, in ſteter Unruhe, nach einem geeigneten Feld für ihre Thätigkeit ſuchend, bis ſie endlich nach Paris kam, wo⸗ hin ihr ſchon der Ruf ihrer unvergleichlichen Frömmigkeit vorangegangen war. Dort wurde ſie mit offenen Armen empfangen. Eine Jugendfreundin, die Herzogin von Bethune, führt ſie in die höchſten Kreiſe ein, wo bald ihr Bekehrungseifer von den außerordentlichſten Erfolgen gekrönt wurde. Beſon⸗ deres Anſehen genoß ſie in den Häuſern der Herzoge von Chevreuſe und Beauvilliers, der, wie ſeine Frau, ſich ganz ihrer Leitung hingab, was um ſo bedeutſamer war, als Beauvilliers bei Ludwig XIV. in größtem Anſehen ſtand, das einzige Mitglied des hohen Adels war, das eine hervorragende Stellung zur Regierung einnahm, der einzige Miniſter Ludwig's mit altadligem Namen und Rang. Ihre Schriften waren bekannt, längere Zeit waren ſie im Manuſcript umgegangen; dann hatten Freunde die zwei wichtigſten im Drucke herausgegeben, das eine Moyen court pour faire oraison, das andere Expli- cation du Cantique des Cantiques(das Hohelied war ja von alten Zeiten das Lieblingsbuch der Myſtiker) betitelt. Im Ganzen geben dieſe Schriften ihrem Inhalte nach nichts anderes, als was