Aufsatz 
Zur Charakteristik Fenelon's / E. Scholderer
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Sales: Epaississez-moi, ſchreibt ſie einmal, un peu la religion qui s'évapore tonte à force d'ètre subtilisée. In ihrer Umgebung aber waren viele Perſonen dem Quietismus ergeben. Der Eine, erzählt ſie, iſt jetzt ſo fromm geworden, daß er gar nicht mehr zur Kirche geht, die ihm nichts mehr bieten kann. Unter ihren nächſten Freunden war Corbinelli, ein liebenswürdiger Epikuräer. Er wird, ſchon bei Jahren, von den myſtiſchen Lehren angeſteckt,(Frau v. Grignan nennt ihn le mystique du diable), er vertieft ſich ganz in die Schriften der Myſtiker. Er lieſt nichts anderes als Malaval (Autor eines wegen ſeiner quietiſtiſchen Ideen in Rom verbotenen Buchs) und excerpirt ihn zu 500 Marximen, qui sont de toute beauté. Nichts iſt ihm mehr verwunderlich. Er erzählt ganz ernſt⸗ haft, daß ein Menſch, der ſchon im Alter von neun Monaten erblindet ſei, plötzlich durch die Gnade des Himmels ſo viel Kenntniſſe von der Welt erlangt habe, als nur ein Sehender beſitze.

Dieſe Dinge werden in der guten Geſellſchaft viel verhandelt und beſprochen. Die Frauen beſonders nehmen daran den wärmſten Antheil. Wie es früher die litterariſchen bureaux d'esprit der ſchöngeiſtigen Frauen, der Scudéry, der Ramboutlllet geweſen ſind, ſo entſtehen jetzt die religiöſen, janſeniſtiſchen oder quietiſtiſchen Salons, denen nachher die philoſophiſchen folgen ſollten. Corbinelli bringt ſeine Abende regelmäßig bei der ſchönen Frau de Maigre zu, on l'on ne parle que de Dieu, de la morale chrétienne, de l'Evangile; cela s'appelle des conversations saintes; on est in- différent à tout le reste; er gibt ſeine alten Freunde gänzlich auf, mit welchen er bisher ein frivoles Leben geführt hat, unter welchen er ſeines boshaften ſarkaſtiſchen Witzes wegen berühmt war, welcher den König und Frau von Maintenon nicht verſchonte, die mehrmals den Polizeilieutenant d'Argenſon zu ihm geſchickt hatten, ihn zur Rede zu ſtellen. Jetzt hatte er alle Galle verloren. Es waren nicht die Schlechteſten welche von dem Quietismus ergriffen wurden. Aber der Myſticis⸗ mus jener Zeit hatte doch etwas, was das raſche Ueberhandnehmen der Anhänger und die Ausbrei⸗ tung erklärt, und was ihn auch von verwandten Richtungen unterſcheidet. Frangois de Sales z. B., deſſen Schriften ja viel geleſen wurden, und auf deſſen Reinheit der Lehre, die von der Kirche und den Gegnern anerkannt war, ſich die Quietiſten bei ihrer Vertheidigung ſo oft beriefen, iſt, wie man mit Recht hervorgehoben hat, weit entfernt von der extravagirenden Art der Quietiſten. Was den Myſticismus am Ende des 17. Jahrhunderts auszeichnete, war, daß er das Auffallende, Wunderbare, Unnatürliche liebte, und das Wunderbare nicht allein auf das Innere und die Seele bezog. Wir finden die gleiche Neigung auch unter den Janſeniſten. Sie hatten ihre Myſtiker, wie die Quie⸗ tiſten ihre Wunderthäterin und Prophetin. Eine Demoiſelle Roſe, die nichts von dem hatte was ſonſt mit der Vorſtellung von einer Heiligen verbunden wird, machte das größte Aufſehen; eine alte, häß⸗ liche, magere Frau, wie ſie Saint-Simon beſchreibt, aus Languedoc, die ſich, entgegen den meiſten unter den Myſtikern, dem Janſenismus zuneigte und durch ihre hinreißende, beredte Sprache zuerſt ihre eigenen Beichtväter überzeugte und ihre ſpirituelle Leitung übernahm, dann, nach Paris kommend, die gelehrteſten und bedeutendſten Männer für ſich gewann,(unter ihnen den Bruder des berühmten Boileau, der ſich unter den Anhängern von Port⸗Royal einen Namen gemacht hatte,) die durch merkwürdige Prophezeiungen ſelbſt Skeptiſche, Unbefangene, der ganzen Richtung fern Stehende, z. B. Saint-Simon, ungemein beſchäftigte. Die Gewalt die ſie über die Gemüther der Menſchen erlangte war unbeſchreiblich. Ein Pfarrer in Toulouſe, der ein anſtößiges Leben geführt hatte, wurde von ihr nicht nur zu einem beßern Wandel bekehrt, ſondern auch genöthigt in das Kloſter der Trappiſten einzutreten; er hat nachher ſelbſt ausgeſagt, daß er durchaus Abneigung gegen dieſen Schritt em⸗

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