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ſeiner Zeit, dem gemeiner Neid ſeinem ganzen Weſen nach fern liegen mußte, deſſen männlicher Ernſt, Geradheit, tiefe und feſtbegründete, unerſchütterliche Ueberzeugung, Beharrlichkeit bei dem, was er für Recht anerkannt hatte, Mangel an Menſchenfurcht, deſſen ſtrenge Gelehrſamkeit, deſſen gewaltige Natur endlich die Zeitgenoſſen, beſonders die beſſeren unter ihnen, ſo ſehr zu ſchätzen wußten, wenn auch der Biſchof als Schriftſteller und Redner gegen andere leichter verſtändliche bei ihnen zurücktrat und erſt die Späteren ſeine ganze Bedeutung erkannten. Die Natur und Art des Streites zwiſchen Boſſuet und Fenelon zu unterſuchen iſt die Aufgabe der folgenden Zeilen; für ihre Zeit war er von größter Bedeutung, die Schriften und Briefe beider Männer in dieſer Sache füllen in der Samm⸗ lung ihrer Werke eine Reihe Bände, deren Lectüre freilich nur für Wenige Intereſſe, doch aber zur Erkenntnis der Zeit und ihrer Denk⸗ und Anſchauungsweiſe manches nicht verächtliche bietet. Innerhalb des Schoßes der katholiſchen Kirche des 17. Jahrhunderts gab es Kämpfe man⸗ nichfacher Art. Während die Jeſuiten ſich immer mehr die Herrſchaft auch über das Dogma zu erringen beſtrebt waren, kämpften gegen ihre laxe Moral und die Accommodationslehre der Moli⸗ niſten vorzüglich die Janſeniſten, die wie die früheren Reformatoren der proteſtantiſchen Kirche die Lehre von der Gnade hervorhoben. Andererſeits hatte ſich gegenüber der Aeußerlichkeit und dem Formalismus der päpſtlichen Kirche der Myſticismus, der ja nie ganz ausgeſtorben und durch den berüchtigten Spanier Molinos neu belebt worden war, in Frankreich wie in andern Ländern nicht wenig Anhänger erworben, welche dem Quietismus aus dem Bedürfniß einer innerlichen religiöſen Empfindung entgegenkamen. Sie fanden ſich in Frankreich vorzüglich mehr in den höheren Klaſſen der Geſellſchaft, im Gegenſatz zu Deutſchland und der Schweiz, wo eine dem Quietismus ſehr ver⸗ wandte Richtung in dem Pietismus zu Tage getreten war. Uebrigens darf überhaupt nicht gedacht werden, daß der Antheil, welchen die Gebildeten an den Dingen der Religion in der Zeit Lud⸗ wig's XIV. nahmen, ein geringer geweſen ſei. Man iſt nur zu leicht geneigt anzunehmen, daß außer dem König und einer Anzahl ſeiner Hofleute ein wirklich religiöſes Gefühl damals ganz ver⸗ ſchwunden wäre. Freilich darf man ſagen, daß die Irreligioſität unter dem Zwange, den Lud⸗ wig's Regierung den Geiſtern auferlegte, immer größere Fortſchritte machte, wie ſie denn, als der König kaum die Augen geſchloſſen hatte, auf's grellſte hervortrat. Aber es fehlte doch auch nicht an einem ſehr warmen Intereſſe an religiöſen Dingen. Erfüllt doch noch nach Ludwig's Zeit der Kampf des Cardinals Noailles gegen die Jeſuiten alle Blätter der Geſchichte. Ueberall finden wir neben der Feindſchaft gegen Kirche und Religion überhaupt, die unter Ludwig noch ziemlich verdeckt auftrat, die zahlreichſten Beweiſe, wie dogmatiſche Streitpunkte und Streitſachen ſogar das Publicum anzogen. Heben wir vor andern nur das berühmte eifrig geleſene Bayle'ſche Lexicon hervor, das unendlich viel Artikel enthält, die ohne weiteren Nebenzweck in der That nur die Darſtellung ſchwie⸗ riger, beſtrittener kirchlicher Lehren geben. Dies lebhafte Intereſſe mag jedoch nur aus dem Bedürf⸗ nis nach geiſtiger Thätigkeit überhaupt hervorgegangen ſein, die ſich anderem Stoffe zuwendete, wenn ſolcher ihr geboten wurde. Mit dem Myſticismus iſt es anders; dieſer hat nur in rein religiöſem Gefühle und Verlangen ſeinen Urſprung. Die Gemüther, welche von dem, was die Kirche ihnen bot, unbefriedigt blieben, zog der Quietismus, der Spott und Feindſchaft, die ſich ihm frühe ent⸗ gegenſtellten, überwand, mit einem unbeſchreiblichen Reize an. Frau von Sevigné gibt uns in ihren Briefen manche merkwürdige und ergötzliche Geſchichte hiervon. Ihr eigner klarer und kalter Verſtand geſtattete freilich keine Hinneigung zu den ſchwärmeriſchen Lehren eines Molinos oder Frangois de


