Zur Charakteriſtik Tenelon's.
Die ſogenannten Ehren⸗ und Charakterrettungen ſind heutzutag Mode; geſchichtliche Per⸗ ſönlichkeiten, die Jahrhunderte lang als der Gegenſtand moraliſcher Abneigung gegolten haben, werden plötzlich durch die geſchickte Hand des Hiſtorikers rein gewaſchen, und erſcheinen, wenn auch nicht ge⸗ rade als Tugendhelden, doch als annehmbar anſtändige Menſchen. Nicht immer gelingt es allen ſo gut, wie Leſſing mit Horaz; die Kunſt des Sophiſten überwiegt häufig die des Hiſtorikers. Eines wird aber an dieſen Beſtrebungen ſtets anzuerkennen ſein, nämlich der Wunſch die Ueberlieferung immer von neuem wieder der Unterſuchung zu unterwerfen und die überkommenen Urtheile zu prüfen, wobei es nicht fehlen kann, daß dem unbefangen zu Werke gehenden auch das Reſultat ein entgegen⸗ geſetztes ſein wird. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß große Charaktere, bedeutende und hervorragende Erſcheinungen und Begebenheiten vor allem zu ſolchen Prüfungen Anlaß geben; doch mag es auch nichts ſchaden, wenn verhältnismäßig Unbedeutenderes der Durchſicht unterzogen wird, zu dem Nei⸗ gung oder Beſchäftigung den einen oder den andern führen, mögen auch Ergebniſſe und Nutzen nur geringe ſein.— Fenelon iſt bisher in den Büchern, in welchen er beſprochen wird, faſt ohne Aus⸗ nahme mit großer Vorliebe eines unbedingten Lobes für würdig gehalten worden; mehr noch, er iſt, ſelbſt jetzt da ſeine Schriften nicht mehr oder doch ſelten genug geleſen werden, jedermann noch als eine liebenswürdige Erſcheinung gleichſam durch die Ueberlieferung gegenwärtig, als die eines from⸗ men, milddenkenden, menſchenfreundlichen, von jeder Unduldſamkeit und Bigoterie entfernten, ſeine Zeit überragenden Menſchen. Darin ſtimmen Katholiken wie Proteſtanten überein. Faſt ſagenhaft knüpfen ſich an ſeinen Namen Züge, Anekdoten, großentheils ohne hiſtoriſche Begründung, aber glaublich nach dem Eindruck des einmal aufgenommenen Bildes, welches uns als ein beinahe flecken⸗ loſes berührt und anſpricht. Es muß aber doch auffallend erſcheinen, wenn wir bei dieſer farben⸗ reichen Schilderung der Biographen den Schatten, der dem Bilde Fenelon's fehlt, ganz auf ſeinen Gegner Boſſuet fallen ſehen. Der Cardinal Bauſſet, welcher beider Männer Leben beſchrieben hat, vermochte ſich kaum der ſchweren Aufgabe zu entledigen ſeine beiden Helden gleichmäßig zu verherr⸗ lichen. Viele waren ſchnell mit dem Tadel gegen Boſſuet bei der Hand: der Neid gegen die Ta⸗ lente des jüngeren Mannes, die Eiferſucht auf das raſch wachſende Anſehen des Rivalen haben Boſſuet zu ſeinen heftigen Angriffen gegen Fenelon und zu dem unerbittlichen Kampfe mit ihm ge⸗ trieben. Dies ſtimmt nicht mit dem ſonſtigen Charakter des größten unter allen Männern der Kirche


