rufen, in der junge Kaufleute in 10 Wochenstunden abends von 7—9 Uhr in allen kauf- männischen Fächern, sowie in fremden Sprachen unterrichtet werden. Als Lehrer stehen ihm zur Seite Bretzfeld jun., Friedleben, Höflich und Professor Pierre.
Alle diese dereche haben dauernde Erfolge nicht gehabt, da die Zeit im allgemeinen für den theoretischen Unterricht der jungen Kaufleute noch nicht gekommen war. Zünftlerischer Zwang schützte wie in allen Gewerben vor allzugrosser Konkkurren⸗, und die Lage des Kauf- mannstandes war daher noch behaglich genug, so dass er mit der rein praktischen Zunftlehre, die freilich länger dauerte als heutzutage, auskam. Das wurde aber anders, als die Um- wälzungen, die durch die Verwendung der Dampfkraft in der Industrie, durch den Bau von Eisenbahnen und durch die Fortschritte der Technik auf allen Gebieten der wirtschaftlichen Arbeit und des wirtschaftlichen Lebens hervorgerufen worden, sowie die Einführung der Gewerbefreiheit die Verhältnisse im Handel ganz und gar verschoben. Der Wegfall der hemmenden Innungsschranken öffnet das Tor, durch das neben einer Anzahl tüchtiger Kräfte eine noch grössere Menge minderwertiger einströmen, die teilweise das Bildungsniveau des Kaufmanns noch weiter herunterdrücken. Auf der andern Seite stellt der Aufschwung des Handels infolge der vermehrten und verbesserten Produktion, der Schnelligkeit der neuen Verkehrsmittel und der gesteigerten Konkurrenz immer höhere Anforderungen an den Handel- treibenden, so datz zwischen den tatsächlichen Leistungen und den Ansprüchen, mit denen der moderne Betrieb des Handels an die jungen Kaufleute herantritt, sich eine Kluft bpildet, die sich in demselben Maße erweitert, wie der Handel fortschreitet:
Die praktische Lehre allein genügt nicht mehr für die A us- bildung. Diese Erkenntnis pricht sich, wenn auch langsam, Bahn; einsichtsvolle Kaufleute suchen Abhilfe zu schaffen und wirken auf die Gründung von Fachkursen und Fachschulen hin, deren Unternehmer zunächst Vereine und Innungen werden. Allen deutschen Ländern schreitet Sachsen voran, das in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts sein Net⸗ von Handelsschulen ausbaut. Aber auch Frankfurt pleibt nicht zurück. Hier überreichen am 20. Januar 1862 eine Anzahl Mitglieder der Polytechnischen Gesellschaft dem Vorstande eine Denkschrift zur- Urrichtung einer Handelssehnule. die aus einer einjährigen Abteilung mit vollem Tagesunterricht und einer zweiklassigen Abteilung für Lehrlinge mit je 10 Wochenstunden bestehen sollte. Die Handelskammer wie der Senat begrüßen die Anregung als zeitgemäß und wirken an der Verwirklichung mit. In Wilhelm Röhrig wird der geeignete Direktor gefunden, vorläufige Schulräume werden geschaffen, und bereits am 12. Juni 1862 findet im Saale der Polytechnischen Gesellschaft die feierliche Eröffnung statt. Die Schülerzahl betrug 75; sie steigerte sich in den nächsten Jahren, ging 1866 und 1867 infolge der politischen Ereignisse rückwärts, erholte sich aber rasch mit dem wirtschaftlichen Aufschwunge Deutschlands nach dem Kriege 1870. Bereits 1868 war der Schule gestattet worden Abgangsprüfungen abzuhalten, deren Bestehen die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienste verlieh.
Es würde den Rahmen dieser Skizze überschreiten, wenn ich die Wandlungen der Schule hier im einzelnen verfolgen wollte; es sei nur noch angeführt, daß sie mit der ebenfalls von der Polytechnischen Gesellschaft gegründeten Wöhlerschule 1876 an die Stadt überging und an dieser Anstalt bis zur Neuregelung des gesamten kaufmännischen Bildungswesens als Handelsabteilung weiterbestand.
Durch die Schöpfung der Polytechnischen Gesellschaft angeregt, beginnt 1865 der Kaufmännische Verein mit handelswissenschaftlichen Vorträgen; den ersten hielt Direktor Röhrig iiber„das Kapital und die Wuchergesetzgebung“, und die Professoren Dr. Bolz, Dr. Bausch und Dr. Dietzel folgten darauf mit Cyklen von je 10 Vorträgen. Im nächsten Jahre aber umfaßten die Cyklen nur noch 2—3 Vorträge*), und in den folgenden Jahren flaute der Eifer noch mehr ab, so daß nur einzelne Vorträge über handels- und sozial- wissenschaftliche Themen gehalten wurden. Dafür schuf der Verein 1884 eine Einrichtung,
*) Es sprachen z. B. Herr Leopold Sonnemann über Bank- und Kreditwesen und Herr Dr. Engelmann über Handelsrecht.


