Aufsatz 
Dem Andenken des Direktors Dr. Ludwig Voigt, gestorben am 1. Dezember 1908. Gedächtnisrede, gehalten bei der Trauerfeier der Städtischen Handelslehranstalt am 4. Dezember 1908
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Die Handelsrealschule. Von Dr. Ludwig Voigt.*)

Seit einer Reihe von Jahren beschäftigt sich der Deutsche Verband für kauf- männisches Unterrichtswesen mit der praktischen Lösung der Frage der Handelsreal- schule, und auf dem sechsten Kongreß, der Ende September und Anfang Oktober in Dan- zig stattfand, lag von der Kommission, die zur Bearbeitung der gesamten Materie ein- gesetzt worden war, endlich der Entwurf eines Lehrplans vor, der unter Zulassung kleinerer Abweichungen den Körperschaften, die die Errichtung von Handelsrealschulen beabsichtigen, als Richtschnur und Unterlage empfohlen werden soll.

Der Plan, dem kaufmännischen Berufe im hõöheren Schulwesen Geltung zu ver- schaffen, hängt zusammen mit dem Aufschwung des deutschen Handels und des damit erwachten Interesses für die Ausbildung des kaufmännischen Nachwuchses; er selbst aber ist für das höhere Unterrichtswesen nichts Neues, sondern knüpft nur an die Bestrebungen früherer Jahrhunderte an. Als am Ende des 17. Jahrhundert der Gedanke sich durch- rang, dem Bürgertum, also besonders den Gewerbetreibenden und Kaufleuten, eine bessere Bildung zu geben, da befürwortete August Hermann Francke, der Stifter der bekannten Erziehungsanstalten in Halle, in einem Flugblatte(1698) neben anderen Anstalten auch einbesonderes Pädagogium für diejenigen Kinder, welche nur im Schreiben, Rechnen, Italienischen, Französischen und in der Oekonomie angeführt werden und die Studien nicht kontinuieren, sondern zur Aufwartung fürnehmer Herren, zur Schreibung, für Kauffmannschaft, Verwaltung der Landgüter und nützlichen Künsten gebraucht werden sollen. Gelangte auch der Vorschlag nicht zur Ausführung, so regten doch andere Schulmänner zu ähnlichen Plänen an, von denen manche auch verwirklicht wurden. So errichtete 1747 Julius Hecker in Berlin die erste Realschule, die nach mancherlei Umwandlungen noch heute als K. Kaiser Wilhelms-Realgymnasium besteht, und in dieser eine besondereManufaktur-, Kommerzien- und Handlungsklasse mit Unter- richt in derbei der Kauffmannschaft üblichen Correspondentz und Buchhaltung, der anfangs vier und später sogar sieben Stunden zugewiesen waren. Unter dem Einflusse von IJ. G. Büsch, der 17608 in Hamburg eine Handelsakademie gründete, entstanden eine Reihe von Anstalten, die noch weit mehr, als es Hecker getan hatte, die Bedürfnisse des Handelsstandes berücksichtigten, und wenn ich von ihnen be- sonders die im Jahre 1770 auf Anregung der Kaufmannschaft in Wien errichteteReal- handlungsschule anführe, so geschieht dies nur, um zu zeigen, daß auch der Name Handelsrealschule nicht den Anspruch auf völlige Neuheit machen kann.

Es würde weit über den Rahmen dieses Aufsatzes hinausgehen, die Entwicklung der Realschule im einzelnen weiterzuverfolgen; ich muß mich darauf beschränken, festzu- stellen, daß auch in den weiteren Stadien bis in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts stetig die Versuche wiederholt wurden, in den Real- oder höheren Bürgerschulen, wie auch in den gymnasialen Anstalten, den Bedürfnissen des Kaufmannsstandes Rechnung zu tragen; wurden doch noch im Jahre 1833 und selbst auf Anraten der Provinzial-Regierung an das Gymnasium in Dortmund sogenannte Realklassen angegliedert, in denen Unterricht im Geschäftsstil und in der Theorie des Buchhaltens, an die sich praktische Uebungen anschlossen, erteilt wurde. Wenn in der Folge diese Bestrebungen zurücktreten und allmählich ganz verschwinden, so ist meines Erachtens daran einerseits das Be- rechtigungswesen schuld, das zu großen Einfluß auf die Realschule gewinnt, an- dererseits die durch die mächtigen Fortschritte der Technik hervorgerufene Entwicklung des gewerblichen Unterrichtswesens. Aus den Gewerbeschulen, deren Gründung bis 1817 zurückführt, ging durch eine Spaltung die Oberrealschule her- vor, deren Aufgabe ganz besonders die Vorbereitung auf die technische Hochschule war

*) Dieser Aufsatz, wohl die letzte schriftstellerische Arbeit des verstorbenen Direktors, war wenige Wochen vor seinem Tode derFrankfurter Zeitung überreicht worden, die ihn am 7. Dezember v. J. zum Abdruck brachte.