boten wurde. Den Anstrengungen des nimmermüden Geistes war der Körper nicht ge- wachsen; er brach zusammen unter der Last der Arbeit. Ein ½jähriger Urlaub sollte seine erschütterte Gesundheit wieder herstellen. Kaum einigermaßen erholt, glaubte er die Bürde des Amtes wieder übernehmen zu können. Mit erneuter, schier dankbar ver- doppelter Arbeitsfreudigkeit ging er nach Ostern aufs neue an die Bearbeitung seines großen Arbeitsfeldes. Und in der Tat, gerade in der letzten Zeit fühlte er sich so arbeits- frisch und froh, daß man hoffen durfte, er werde noch lange seiner Anstalt dienen können. Da hat ihm der unerbittliche Tod mitten in seinem Schaffen halt geboten.
Nichtsahnend und darum am so tiefer erschüttert und schmerzlichst bewegt traf uns am Dienstag Morgen die Kunde von seinem plötzlichen Heimgang: nach mensch- lichem Ermessen viel zu früh für die nächsten Angehörigen, die ihren besten irdischen Halt an ihm verloren, zu früh aber auch für unsere Anstalt, die, vielfach noch in den Kinder- schuhen, seiner stützenden Hand und seines auf reiche Erfahrung sich gründenden Rates nur allzusehr noch bedurfte. Müssen wir schon um deswillen seinen frühen Heimgang tief beklagen, so nicht minder um seiner Persönlichkeit willen als Leiter wie Lehrer der Anstalt.
Liebenswürdig und zuvorkommend, echt ritterlich gegen jedermann, so haben Sie, seine Freunde und Bekannten, ihn gekannt. Nicht anders war er im Verkehr mit seinem Kollegium. Keine Herrschernatur, vielmehr sich bewußt, daß das vorbildliche Wirken der eigenen Persönlichkeit mehr wert ist, als vieles Kommandieren, daß das Amt des Direktors nicht zum Herrschen, sondern zum Dienen eingerichtet ist, daß bei allen Anordnungen, die getroffen werden, das Wohl und Gedeihen der Schule und nichts an- deres im Auge zu behalten ist. In diesem Sinne hat er mit viel Sachkunde, mit Um- sicht und Tatkraft seine leitende Stellung wahrgenommen. In seinem großen, verschieden gestalteten Kollegium war aber nicht bloß Tatkraft nötig, sondern ebensoviel Tragkraft, Geduld und abermals Geduld mit den Schwächen der einzelnen. Er hat sie oft in Selbst- verleugnung geübt und in dem demütigen Bewußtsein der eigenen Schwachheit nach Mõg- lichkeit jedem einzelnen gerecht zu werden versucht.
Und mit diesem demütigen, einfachen Sinn, mit dieser milden, wohlwollenden Be- urteilung, die ihm die Achtung und liebevolle Verehrung seines Kollegiums sicherten, ist er in gleicher Weise seinen Schülern begegnet.„Er warein Lehrer“, das darf ihm an seinem Grabe nachgerufen werden. Kein Schulhalter, der bloß Kenntnisse und Fertig- keit vermittelt, sondern ein Erzieher, dem jeder seiner Schüler ans Her⸗ gewachsen, der ihnen nachging auch außerhalb des Schulhauses und denen, die das Haus vernachlässigte, am meisten, um sie heranzubilden zu brauchbaren Gliedern der menschlichen Gesellschaft.
Woraus aber war dies alles geboren? Aus einem Herzen voll tiefer Religiosität. Noch am letzten Sonnabend, als ich mit ihm auf seinem Amtszimmer einen neuen Religions- lehrplan besprach und wir dabei die Höhen und Tiefen des Menschenlebens berührten, durfte ich einen Blick tun in seine Nathanaelseele. 1
„Er strebte— nun ruht er“, diese Grabinschrift eines berühmten Gelehrten darf auch von ihm gelten. Wenn Leben Streben bedeutet, so ist er uns ein Beispiel dafür, was es heißt, in rastlosem Ringen seine Zeit auskaufen, wuchern mit dem anvertrauten Pfunde. Und wenn er jetzt nach redlichem, an Arbeit, aber auch an Erfolgen reichem Streben eingegangen ist zur ewigen Ruhe und von uns geschieden, er ist darum nicht völlig uns entrissen. Ob auch seine Person leiblich nicht mehr unter uns weilt, sein Bild lebt in unserem Herzen und wird fortleben in dankbarer Erinnerung an das Gute, was wir von ihm genossen, als Vorbild für unser eigenes Tun und Streben.
In solch dankbarem Gedenken legen wir, die Lehrer und Lehrerinnen, Schüler und Schülerinnen der Handelslehranstalt zu Frankfurt am Main, erneut unsere Kränze hier am Grabe des Entschlafenen nieder und rufen ihm den letzten Xbschiedsgruß zu:
„Schlummere sanft! Nimm den Dank deines Kollegiums, den Dank der vielen Schüler, die du geleitet hast zu edlem Streben und zu charaktervoller Lebensführung, mit hinunter in das Grab, hinüber in die Ewigkeit! Ruhe in Frieden!“


