Aufsatz 
Dem Andenken des Direktors Dr. Ludwig Voigt, gestorben am 1. Dezember 1908. Gedächtnisrede, gehalten bei der Trauerfeier der Städtischen Handelslehranstalt am 4. Dezember 1908
Entstehung
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Nachruf

gehalten am Grabe zu Pirna den 4. Dezember 1008 von

Oberlehrer Dr. Schwarzhaupt-Frankfurt a. M.

Während wir hier den Entschlafenen zur letzten Ruhe einbetten, versammeln sich die Lehrer und Schüler der von ihm geleiteten Anstalt in Frankfurt a. M., um in einer gemeinsamen Gedächtnisfeier sein Andenken zu ehren und das Bild ihres heimge- gangenen Direktors noch einmal im Geist an sich vorüberziehen zu lassen, nachdem bereits am gestrigen Vormittag dortselbst seine Persönlichkeit in ihrem amtlichen Wirken von den verschiedensten Seiten gebührend gewürdigt worden ist.

Aber auch bei der hiesigen Trauerfeier, bei der Sie, die nächsten Verwandten, Freunde und Bekannten, dem Verewigten den letzten Tribut der Liebe und Freundschaft zollen, wollte das Lehrerkollegium nicht fehlen. Die weite Entfernung machte eine größere Beteiligung desselben leider unmöglich. So bin ich als Vertreter hierher be- ordert worden. Pereitwilligst habe ich mich diesem Auftrage unterzogen, um, zugleich dem Drang des eigenen Herzens folgend, dem uns so frühe Entrissenen noch einen letzten Abschiedsgruß nachzurufen, bevor die Erde sich über seinem Sarge wölbt.

Schon frühzeitig hatte der Entschlafene in seiner pädagogischen Wirksamkeit mit weitschauendem Geist erkannt, daß unser Vaterland bei seiner immer mehr vom Agrar- zum Industriestaat hindrängenden Entwickelung nicht bloß Gelehrte und Forscher, son- dern in gleicher Weise Männer wie Frauen der Tat und des praktischen Lebens bedürfe. Infolgedessen durchdrungen von der Wichtigkeit, ja unbedingten Notwendigkeit einer gründlichen allgemeinen wie beruflichen Vorbildung des heranwachsenden Kaufmanns- standes beiderlei Geschlechts, machte er sich mit dem ihm eigenen Eifer an die Einar- beitung in das weitverzweigte Gebiet des Handelsschulwesens. Sein klarer Verstand und seine unermüdliche Arbeitskraft ermöglichten ihm rasch die Aneignung einer um- fassenden Fachkenntnis, für deren Weiterverbreitung er seitdem durch Wort und Schrift eifrigst wirkte. Die Begründung der von ihm 7 Jahre lang geleiteten Handelsschule in Gablonz und ihre Ausgestaltung zu einer Handelsakademie nach österreichischem Muster war sein Erstlingswerk. Der Name Dr. Ludwig Voigt wurde bald über die Grenzen seiner engeren Heimat hinaus weiteren Fachkreisen bekannt. Und als die Stadt Frankfurt, die auf allen Gebieten der modernen Entwicklung rührig tätige Handelsmetropole am Main, im Jahre 1900 die Gründung einer Handelslehranstalt beschloß, wußte sie keinen geeigneteren Mann zu finden. Am I. April 1900 wurde der nun Verewigte als Direktor dorthin berufen und mit der Einrichtung der neuen Anstalt, welche den verschiedensten Klassen des Handelsstandes dienen sollte, beauftragt.

Keine leichte Aufgabe war es, die ihm mit dieser ehrenvollen Berufung gestellt war. Viel Vorurteile galt es zu überwinden bei der Arbeit, Wissenschaft und praktisches Leben in der Schule und zumal in einer höheren Schule, wie sie in Preußen bisher bestanden, inner- lich zu verbinden. Die Förderung und Ausgestaltung dieses Gedankens war fortan sein Lebenswerk.

Mit idealer Begeisterung ist er an seine Durchführung gegangen, in selbstloser Hingabe, mit sich selbst verzehrendem Pflichteifer hat er ihn zu verwirklichen gestrebt. Freilich mußte er je länger je mehr einsehen, daß die geplante organische Ver- bindung der einzelnen Abteilungen auf die Dauer nicht möglich war. Aber dafür hatte er die Befriedigung, daß diese einzelnen Abteilungen in sich immer mehr sich aus- wuchsen, sodaß sie alljährlich neue Klassen benötigten.

Um die stetig wachsende Arbeit zu bewältigen, war er von früh bis spät auf seinem Posten. Der erste und der letzte, so habe ich ihn bei meinem Eintritt in sein Kollegium kennen gelernt, und so ist er es geblieben, bis ihm vor Jahresfrist unfreiwillige Ruhe ge-