Nachsicht, und wenn bei unsern Beratungen am Quartalsschluß und bei sonstigen Gelegen- heiten die Ansichten der Fachlehrer auseinandergingen, konnte man sicher sein, daß der Direktor für eine mildere Beurteilung der Schüler eintrat. Wie den Schülern selbst, so war er auch ihren Eltern ein guter Berater, und wer bei der Berufswahl für seinen Sohn oder seine Tochter sich an Direktor Voigt mit der Bitte um Rat wandte, klopfte nicht vergeblich bei ihm an.
Ganz besonders schwer getroffen hat der allzufrüh erfolgte Tod unseres Ober- hauptes diejenigen, die durch die Bande des Blutes an ihn gekettet waren. Und wahrlich, seine Familie hat Ursache, seinen Heimgang zu betrauern. Verliert die Gattin doch den treuesten Lebensgefährten, die Tochter den liebevollsten Vater. Sein ganzes Streben war darauf gerichtet, ihnen die Wege zu ebnen; ihnen Freude zu bereiten war sein höchstes Glück. So herrschte denn des Himmels reinster Friede in seinem Hause; bei Frau und Tochter fand er fürsorgliche Pflege, wenn er, von des Tages Arbeit ermattet, in seine schöne Häuslichkeit zurückkehrte. Für die Hinterbliebenen ist es ein schönes Bewußtsein, daß liebevolle Fürsorge um sie zum letztenmal seine Schritte in die Stadt gelenkt hat. Seiner Pamilie und seiner Schule war sein ganzes Leben gewidmet.
Darum betrauern diese beiden auch am schmerzlichsten den Tod des Verewigten. Wie sehr er es aber verstanden hat, sich auch außerhalb dieses engeren Kreises Freunde zu erwerben, das hat die stattliche Trauerversammlung bezeugt, die sich gestern an der Bahre des Verklärten zusammengefunden hat und deren Sprecher bewegten Herzens ihren Ge- fühlen für den Heimgegangenen Ausdruck verliehen haben. Leider ist es unserm De- zernenten im Kgl. Provinzialschulkollegium, Herrn Geh. Reg. Rat Kaiser, nicht möglich gewesen, auch der heutigen Trauerfeier beizuwohnen. Er hat mich daher gestern beauf- tragt, den Mitgliedern des Lehrerkollegiums wie den Schülern und Schülerinnen der An- stalt den Ausdruck seines herzlichsten Beileids zu übermitteln.
Den Seinen und uns allen viel zu früh ist Direktor Voigt aus seinem arbeitsreichen Leben abberufen worden. Gern hätte er das Werk, das er begonnen und gefördert hat, den Ausbau der Städtischen Handelslehranstalt, zu Ende geführt. Es hat nicht sollen sein. Nahe dem Ziele verließ den Unermüdlichen die Kraft, und seine Arbeit ist unbeendet liegen geblieben. So erwächst denn für uns alle eine heilige Pflicht daraus, sein Lebens- werk in seinem Geiste fortzuführen und der Vollendung näher zu bringen. Das Andenken des Mannes aber, der diese Anstalt begründet und seine besten Kräfte ihrem Dienste gewid- met hat, wollen wir immerdar in Ehren halten.
Er ruhe in Frieden!


