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die an der Anstalt wirkten, für uns Lehrer wie für die Schüler und Schülerinnen. Dem beharrlichen Fleiße, der Treue gegenüber der von ihm übernommenen Aufgabe ist der Lohn des Erfolges in reichem Maße beschieden worden. Die Anstalt wuchs nicht nur an Zahl der Lehrer und Schüler, sie hob sich auch innerlich unter der Leitung des Ver- storbenen, und so nimmt sie denn heute unter den höheren Schulen Frankfurts eine geachtete Stellung, unter den Handelslehranstalten des Landes einen hervorragenden Plat⸗ ein. Schulmänner aus andern deutschen Städten wie aus dem Ausland kamen, um die Einrichtungen unserer Anstalt zu studieren und als Vorbild zu nehmen. Wie ein Hausherr mit innerer Pefriedigung den Gästen sein schönes Heim zeigt, so pflegte Direktor Voigt die fremden Besucher mit gerechtem Stolz in unserer Schule herumzuführen und sie auf die geräumigen, freundlichen Klassenzimmer, die Arbeitsräume und die prächtigen, von dem Hergebrachten in mancher Hinsicht abweichenden, den Fortschritten der Wissen- schaft entsprechenden Sammlungen und Anschauungsmittel hinzuweisen. Eine besondere Genugtuung war es ihm und uns allen, daß der Vertreter der Kgl. Aufsichtsbehörde vor etwa drei Wochen, nach zweitägigem Besuche der Handelsrealschule, ihm und dem ver- sammelten Lehrerkollegium für die unter schwierigen Verhältnissen geleistete Arbeit seine volle Anerkennung aussprach.
Die Schule war seine Freude, ihr widmete er seine ganze Kraft und vielleicht mehr als das. Denn der Unermüdliche gönnte sich oft nicht die zur Ausspannung von der Arbeit nõtige Zeit der Ruhe, als hätte er geahnt, daß ihm nur noch wenige Jahre des Lebens bestimmt seien. Selbst wenn er sich nicht ganz wohl fühlte, schleppte er sich in die Schule, um wenigstens seine Unterrichtsstunden nicht zu versäumen und die nötigsten Direktionsarbeiten zu erledigen. Einer so intensiven, nur durch allzu kurze Erholungspausen unterbrochenen Arbeit konnte sein Körper auf die Dauer nicht Genüge leisten. Aber er wich nur der Uebermacht., So kam er am 18. September 1907 mit völlig ermattetem Ausdruck in die Schule, um mit Aufwendung aller Kraft noch seine zwei Stunden Unterricht zu geben. Vergebens riet ich ihm, wieder nach Hause zu gehen und sich vertreten zu lassen.„Ich will es wenigstens versuchen“, erwiderte er. Am Schluß der Stunde erfuhren wir, daß er mitten im Unterricht aufhören und sich nach Hause begeben mußte. Auch in den folgenden Wochen, die er auf dem Krankenlager zu- bringen mußte, hat er stets in Gedanken bei der Schule geweilt und sich selbst für die kleinsten Geschehnisse des Schullebens interessiert.
Als er dann vor Ostern 1908 wieder die Leitung der Schule und seinen Unterricht übernahm, merkte man ihm an, wie sehr ihn das Gefühl der wiedergewonnenen Kraft be- seligte. Gern boten wir ihm unsere Unterstützung an, damit er sich allmählich wieder an die Arbeit gewöhnen könne; aber er hat nur selten von unserm Anerbieten Gebrauch ge- macht. Er wollte nicht andern zumuten, was er glaubte selbst leisten zu müssen. Und ge- rade die letzten Wochen seines Lebens brachten ihm besonders wichtige Arbeiten. Galt es doch, dem Lehrplan der Handelsrealschule eine endgültige Fassung zu geben! Am letzten Donnerstag im November hatten sich die Mitglieder des Lehrerkollegiums der Handelsrealschule zu einer allgemeinen Besprechung des Unterrichtsplans zusammenge- funden, Dienstag, den 1. Dezember, sollte unter dem Vorsitz des Direktors die erste Fachkonferenz stattfinden. In den ersten Minuten desselben Tages haben die Parzen seinen Lebensfaden durchschnitten!
Trauern wir alle um den Verewigten als unsern Direktor, so haben die Schüler der Klassen, in denen er unterrichtete, ganz besonderen Grund, seinen Heimgang zu beweinen. Denn er war ihnen nicht nur ein Lehrer, sondern auch ein Erzieher und Freund. Sein schon im jünglingsalter auf das Praktische gerichteter Blick lehrte ihn die richtigen Wege finden, wie man das Interesse der Jugend im Unterricht fesselt. Er wußte die Schüler auf die mannigfachen Erscheinungen des modernen Lebens aufmerksam zu machen, und lehrte sie, mit offenem Auge und aufnahmebereitem Verstande das Treiben der großen Handelsstadt beobachten. Durch sein liebevolles Eingehen auf die Eigenart der Schüler wußzte er ihre Herzen zu gewinnen. Ihre Schwächen beurteilte er mit milder


