Aufsatz 
Lehrplan für den Unterricht in der Geschichte
Entstehung
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dem Gedächtnis zwar eine geringe Erleichterung gewährt; aber man würde sich für die ohnehin an Übersichtlichkeit gegen die griechische und römische zurückstehende deutsche Geschichte eines didaktisch wertvollen durchgreifenden Gesichtspunktes berauben, wollte man, wie es viel- fach gewünscht wird, die Kaiser allzusehr hinter den Ereignissen verschwinden lassen.

Für die brandenburgisch-preussische Geschichte genügt es, bis 1640 nur die Regierungs- dauer der einzelnen Dynastieen lernen zu lassen. Von da ab ist die Regierungszeit der einzelnen Regenten, von 1740 ab auch diejenige der Regenten Ostreichs zu merken. Der von den Fach- lehrern der Geschichte vereinbarte Kanon ist dem vorliegenden Lehrplan am Schlusse bei- gegeben.

E. Behandlung des Stoffs.

Auch für den Geschichtsunterricht gilt die induktive, vom einzelnen zum allgemeinen aufsteigende Methode. SogenaunteEinleitungen und Übersichten über noch nicht behandelte Abschnitte der Geschichte haben keinen Wert. Dagegen bildet die übersichtliche Gliederung eines durchgenommenen Abschnitts eine zweckmässige Ubung, wenn der Lehrer es versteht, die Selbstthätigkeit der Schüler zu wecken und richtig zu leiten.

Die bereits oben als notwendig erkannte Beschränkung soll nicht darin bestehen, dass der ganze Stoff möglichst zusammengedrängt und das lebendige Detail durch abgeblasste Ab- straktionen ohne anschaulichen Inhalt ersetzt werde. Es kann sich vielmehr nur um eine sorg- fältige Sichtung und Auswahl handeln, die dasjenige ausscheidet, was über die Fassungskraft des Schülers hinausliegt, und diejenigen Punkte heraushebt, welche für seine geistige und sitt- liche Bildung fruchtbar zu machen sind.

In dem vorbereitenden Unterricht sind die Sagen einfach so zu erzählen, wie sie eine naive Auffassung überliefert hat; dagegen kann keine Rede davon sein, auf den sogenannten »Kern der Sage einzugehen. Ebensowenig kann es sich in dem biographischen Unterricht darum handeln, etwa den inneren Entwickelungsgang eines Helden zur Darstellung zu bringen. Ein Lehrbuch wird auf dieser Stufe dem Schüler noch nicht in die Hand gegeben, vielmehr ist ihm der Stoff lediglich durch das lebendige Wort des Lehrers zu vermitteln.

Mit seinem Urteil über geschichtliche Personen und Ereignisse sei der Lehrer vor- sichtig. Er mache dasselbe nicht zu einem Vorurteil dadurch, dass er es den Thatsachen wie ein Dogma voranstellt; er suche vielmehr die Schüler anzuleiten, sich durch eigenes Nachdenken ein selbständiges Urteil zu bilden. Dass ein Urteil über die Auffassung und den Standpunkt der einzelnen Konfessionen niemals in einer für anders Denkende verletzenden Form gegeben werden darf, versteht sich für eine paritätische Anstalt wie die unsrige von selbst. Wärme des Tones lässt sich nicht vorschreiben, sondern ist durch das Temperament des Lehrers bedingt; sie ergibt sich aber von selbst, wenn nur der Lehrer ein lebhaftes Interesse für seinen Gegenstand und vor allen Dingen für die ihm anvertraute Jugend hat. Unter allen Um- ständen bleibt Liebe zur Wahrheit oberster Grundsatz. Darum sind neben den ruhmvollen auch die trüben Seiten der vaterländischen Geschichte in Betracht zu ziehen. Es ist nicht zu be- sorgen, dass dadurch eine der schönsten Früchte des geschichtlichen Unterrichts, die Vater- landsliebe, geschmälert werde. Der Schüler mag vielmehr bei Zeiten lernen, dass die politische Macht und Grösse eines Volkes steht und fällt mit seiner sittlichen Kraft und dass das deutsche