Aufsatz 
Hans Thoma, ein deutscher Mann und Meister. Ansprache, gehalten am 27. Januar 1910
Entstehung
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in der Arbeit. Noch kein Meiſter iſt vom Himuel gefallen, auch Meiſter Thoma nicht. Unermüdlich ſuchte er ſich von Jugend an die äußerlichen Handgriffe anzueignen. In Baſel hat er als Anſtreicher⸗ lehrling gelernt, Farben reiben und anzuſtreichen, bei einem Lithographen war er in der Lehre, und Uhrenſchilder hat er gemalt. Und ſpäter verſuchte er immer und immer wieder und verſucht es noch, wie er am beſten die Farben verwendet, wie die einzelnen Töne harmoniſch abzuſtufen ſind. Nicht oft genug kann er wiederholen, daß nur peinliche, kleinlich ſorgfältige Arbeit zum Ziele führt. Man lachte ihn aus, weil ihm kein Blättchen, kein Steinchen zu gering war, es mit Liebe zu malen, und ſeine Mitſchüler ſagten ihm, das ſei Zeitverſchwendung, er müſſe genial malen, ſo obenhin mit ein paar Strichen.

Nie genugtun konnte er ſich auch ſchon frühe darin, daß er nicht ruhte, bis das Bild ſo auf die Leinwand gebannt war, wie er es innerlich ſchaute. Er rang mit dem Stoffe unermüdlich, er war nie ein Mann der Komproniſſſe, der ſich ſo leicht zufrieden gab. Immer und immer wieder hat er das kleine Heimatbächlein gemalt, bald im hellen Sonnenſchein, bald mit Gewitterwolken. Wie viele Engelswolken erfreuen uns unter ſeinen Werken, keine iſt wie die andere, jede hat ihre eigene Schönheit. Und immer wieder mahnt er in ſeinem Buche: nur treue Arbeit iſt des Menſchen würdig, und nicht nur des Künſtlers.

Treu war Thoma auch gegen ſeine Familie. Unter manchen Entbehrungen hat die frühe verwitwete Mutter ihre Kinder aufgezogen, den Hans und die Agathe; aber wenn's auch mitunter knapp herging, ihre Kinder waren ihr rührend zugetan, denn ſie durften das hohe Glück aufopfernder Mutterliebe genießen. Drum iſt Hans Thoma auch der Maler ſo vieler herzerfreuender, inniger Bilder, die das Glück herzlichen Familienlebens ſchildern, drum zeugen ſo viele fröhliche Kinderbilder von ſeiner eigenen ſchönen Jugend. Er wußte, bei der Mutter fand er immer Ruhe und Frieden und Verſtändnis, auch wenn erals Vagabund heimgekehrt wäre. Thoma erzählt nicht gar viel von ſeiner Mutter in ſeinem Buche, aber wie Frau Aja in den Dichtungen ihres Sohnes lebt, ſo lernen wir des Künſtlers Mutter aus gar vielen ſeiner Bilder und mit den allerſchönſten kennen. Was in zarter Scheu der Mund nicht ſagen wollte, das erzählte des Künſtlers Pinſel.

Als es Thoma nach langer Wanderfahrt glückte, hier in Frankfurt ſich ein eigen Heim zu gründen in der Lersnerſtraße, da fühlte er ſich erſt als ganzer, voller Menſch, und da kam erſt jene große, tiefe Ruhe und Gelaſſenheit über ihn, die ihn feite gegen alle Stürme. Sein erſter großer Schmerz war, als ſeine treue Mutter, deren zerarbeitete Hand ihremBub gar oft die Sorgenfalten von der Stirn geſtrichen hatte, hochbetagt ſtarb: erſt da fühlte er, daß er alt wurde.

Treu hielt Thoma auch zu ſeiner Frau. Nicht äußerliche Gründe und Rückſichten haben die beiden zuſammengeführt, ſondern bei gemeinſamer Arbeit, bei gemeinſamen Beſtrebungen haben ſie ſich achten und lieben gelernt. Es iſt rührend zu ſehen, wie die zwei guten Kameraden Hand in Hand ihren Lebensweg gewandert ſind, zwei treue, tapfere Menſchen. Eins ſtützte und ermutigte das andere, wenn ihm die Laſt des Lebens gar zu groß wurde. Alle Enttäuſchungen, alle Anfeindungen und Gehäſſigkeiten ließ Thoma gelaſſen über ſich ergehen, ſeit er am eignen Herde ſein Glück geborgen wußte. Jahre reinſten Friedens und ungeſtörter Schaffensfreude waren ihm beſchieden durch ſeine verſtändsvolle, treffliche Frau. Als alle Welt ihn verſpottete, hat Frau Cella an ihn geglaubt, und er iſt mit ihr unbeirrt ſeinen oft einſamen Weg gegangen.

Treue hat Thoma auch ſeinen Freunden immer gehalten. Wohl iſt er gerne allein, und man muß allein geweſen ſein, ehe man recht mit den andern gehen kann(A. Schieber). Aber doch iſt er im Grunde eine mitteilſame Natur, die gerne mit andern fröhlich iſt und ihnen auch hilft, wenn's not tut. Wie Schiller hat er viel Freundſchaft erfahren dürfen, weil er auch viel Liebe geſät hat. Und auch dann hat er ſeinen Freunden Treue gehalten, wenn alle andern über ſie herfielen.

Wer ſo wie Thoma treu feſthält an ſeiner Eigenart, wer wie er beſtrebt iſt, ſie zu wahren und zu betätigen, der wahrt auch die Treue gegen Heimat und Vaterland. Wohl hat ihn die Wander luſt hinausgelockt in fremde Länder. Italiens herrliche Natur und ſeine Kunſtſchätze hat er mit emp⸗ fänglichen Sinnen genoſſen. Wohl kennt er die ſchönen Gauen Frankreichs, der Schweiz und Hol⸗ lands. Wohl ſtaunte er in England über die hohe Kultur und das freie Menſchentum, und am