müſſen, wie ſie alle entſtehen, blühen und vergehen, wie ſie alle Licht und Liebe und Wärme brauchen zu ihrem Gedeihen, und wie ſie alle Freude und Schmerz empfinden, Tier und Pflanze ſo gut wie der Menſch, wenn ſie ihre Gefühle auch nicht ſo äußern können. Beſonders die fragenden Augen der Tiere haben es ihm angetan, und mit ehrlichem Abſcheu erfüllt es ihn, wenn er ein Tier gequält ſieht. Achtung vor allem Lebenden, vor allem Werdenden und vor allem Gewordenen, lernte er empfinden, vor allem vor der Menſchenſeele, und wäre ſie auch noch ſo gering.
„Vom Rätſelrachen der Welt umfangen, Sitzt die arme Menſchenſeel' in Fürchten und Bangen. Das Ungeheuer kann ſie ja ſpielend verſchlingen; Und möchte doch jede ihr fröhlich Lebenslied ſingen“.
(Thoma). Sinnlichen Ausdruck fand dieſes Verslein in dem oft variierten Bilde eines Ungeheuers, in deſſen Rachen ein Kind ſitzt und harmlos ein Flötlein bläſt. Die Achtung vor allem Lebenden äußerte ſich nicht nur in Worten bei Thoma, ſondern in ſeiner Bereitſchaft zu helfen, wo's not tat.„Die beſten Beſtrebungen, die wir Bewohner der Erde haben können, begründen ſich doch in dem Gefühle des Schutzes, den wir uns gegenſeitig geben wollen— in der Achtung vor allem Leben“.(Thoma).
Nun könnt ihr's auch verſtehen, weshalb Thoma ſo recht von Herzen ein Kinderfreund iſt und alle Menſchen gern hat, die es auch ſind. Und er ſelber hat bis in ſeine alten Tage ſein fröhlich Kinderherz ſich bewahrt, und drum kann er ſo ſchöne, ſonnige Bilder malen mit den vergnügten Kindern. Wenn's auf Thoma ankäme, wären alle Menſchen hilfsbereit und wohlwollend. Er weiß ja, wie rauh und hart das Leben ſein kann, er hat's gründlich erfahren, wie lieblos und grauſam die Mitmenſchen oft ſind. Und drum mahnt er immer wieder: Kindlein, liebet euch untereinander, und freut euch des Lebens, ſtatt es euch gegenſeitig zu vergällen. Wenn einer eurer Mitbrüder zuſammenbricht unter ſeiner Laſt, ſo helft ihm auf, macht ihm Mut und helft ihm ſeine Bürde tragen. Und wo alle Hilfe vergeblich iſt, da vertraut auf die Hilfe des Himmels.— Dieſes fröhliche Vertrauen hat Meiſter Thoma ſich errungen in ſeinem langen Leben, eine große Gelaſſenheit und Ruhe, einen felſenfeſten Glauben, der auch den Tod nicht fürchtet.
Endlich iſt Thoma auch groß in einer Tugend, die wir Deutſchen ſo gerne als unſer höchſtes
Ideal preiſen und für uns in Anſpruch nehmen: in der Treue. Lern' Treue üben! mahnt ſein Leben und ſeine Arbeit.
Treu iſt er vor allem immer geweſen gegen ſich ſelbſt. Schon in dem Knaben regte ſich, lange, ehe er zur Schule ging, mächtig der Trieb, allerlei, was er ſah zu zeichnen. Da ſaß der kleine Kerl mit Schiefertafel und Griffel und freute ſich andem Gekritzel, das die gütige Mutter ihm als allerlei Getier deutete. Allmählich lernte er dann— ohne Anleitung— wunderfeine Bilder zeichnen. Darüber lachten dann die andern Knaben, und die Bauern hielten ſein Zeichnen für eine arge Zeitvergeudung und für eine brotloſe Kunſt. Aber Thoma ließ ſich nicht irre machen, auch ſpäter nicht, als er auf der Kunſtſchule und bis in ſein Alter ver— ſpottet wurde, weil er ſo ganz andere Dinge ſchön fand und dieſe andern Dinge ſo ganz anders malte als alle andern. Da hätte mancher nachgegeben und gemalt, wie es die Leute wollten, denn dann hätten ſie ja auch ſeine Bilder gekauft, ſtatt ihn auszulachen. Aber Thoma ließ ſich nicht beirren und hielt feſt an ſeiner Eigenart. Die Alemannen droben im Schwarzwald haben gar harte Köpfe, und Thoma kam's zu gute. So etwas wie fröhlicher Trotz kam über ihn; er verzichtete ja gerne auf alle äußeren Ehren, auf Titel und Reichtum, er wollte nur ungeſtört malen dürfen, wie's ihem ums Herz war, nicht, wie's gerade die Mode vorſchrieb.„Dieſe Leinwand habe ich gekauft und bezahlt, ſie iſt mein, alſo kann ich ſie bemalen, wie ich es will,“ pflegte er zu ſagen. Und in dieſen Jahren des Schweigens und Harrens ſchuf er jene grundehrlichen, eigenartigen Bilder, an denen wir uns heute erfreuen und in denen ſich ſein innerſtes Fühlen ausſpricht.
Nie wäre aber trotz alles fröhlichen Ausharrens der Augenblick des Verſtändniſſes und der Anerkennung für Thoma gekommen, hätte er ſich nicht von Kind an mit eiſernem Fleiße und treuer, zäher Arbeit durchgerungen zur Meiſterſchaft ſeiner alten Tage. Hans Thoma war immer treu


