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wenn der ſo nach des Tages Laſt und Mühe am Fenſter ſtand und träumend hinüberſah nach den Taunusbergen, wenn die goldnen Strahlen der untergehenden Sonne hinaufklommen an den Höhen, während vom Oſten her langſam das Dunkel der Nacht kam, da ſah er gar merkwürdige Dinge: droben auf den rot umſäumten Wolken ſaßen wahrhaftig fröhliche Engelsbuben und muſtizierten aus Leibeskräften. Und das waren keine von den braven Engeln in den langweiligen Faltengewändern, mit feierlichen Geſichtern und langen Locken, das waren pausbackige Schwarzwaldbuben, wohl genährt und mit fröhlichen Geſichtern und ohne viel überflüſſige Kleidung. Und ihre Inſtrumente blieſen ſie ſo kräftig, daß auch ein Tauber ſie hätte jubilieren hören müſſen. Und wo eben noch Raben geflogen waren, ſchwebten auf einmal Märchenvögel mit ſchillerndem Gefieder und einem Krönlein auf dem Kopfe, und ſehnſüchtig ſah er ihnen nach, wie ſie nach dem Süden zogen, nach Licht und Wärme. — Und drüben am Bächlein ſpielten wahrhaftig bocksfüßige Faune mit pfiffigen Geſichtern, mit kleinen Hörnlein, ſpitzen Ohren und einem luſtigen Schwänzchen.
So ward Thoma auch die graue Wirklichkeit zur Poeſie: kraft ſeiner Kunſt, ſie durch die Phantaſie zu vergolden. 4
Doch mehr als alles dies ſchafft ihm Freude die Kunſt: er übt ſie aus, und er freut ſich an den Werken anderer. Wenn wir Menſchen verſtummen vor übergroßer Freude und übergroßem Schmerze, iſt dem Künſtler die Gabe verliehen, zu ſagen, wie er leidet und wie er ſich freut. Er kann ſeine Gefühle ausſtrömen laſſen in melodiſchen Klängen, er kann ſie bannen in ein ſchönes Gedicht, in ein Bild. Und ſo ſind alle echten Schöpfungen der Kunſt entſtanden: aus bewegtem, ſibervollem Herzen. Mit dem Herzblute ſind alle ihre großen Werke geſchrieben. Wohl: ſind auch die wenigſten von uns Künſtler, wir alle haben irgend eine Lieblingsbeſchäftigung, und wäre ſie noch ſo beſcheiden, bei der wir vergeſſen können, was uns quält. Das unruhige Herz wird wieder fröhlich, der Sinn heiter und leicht, und getröſtet blicken wir zurück auf unſer Leid als auf etwas Überſtandenes. Freuen können wir uns an den Werken der Kunſt, und am meiſten trägt zu unſerer Freude bei, wenn wir ſie denen machen, denen wir wohlwollen und die wir lieben.„Mach' andern Freude, du wirſt erfahren, daß Freude freut“. Ein ermunterndes Wort, ein paar Blumen, ein freundlich Geſicht, all das freut den Geber faſt mehr als den Beſchenkten.
Verſucht's einmal ehrlich mit der Kunſt, euch zu freuen, übt ſie täglich von neuem und laßt euch nicht abſchrecken, wenn's euch nicht gleich damit gelingt.
Ohne dieſe innere Fröhlichkeit und Gelaſſenheit hätte Thoma es nimmer vermocht, allen Stürmen ſo ſicher zu trotzen. Aber noch aus einer zweiten Quelle ſtrömt ihm innere Stärke zu: aus dem lebendigen Vertrauen auf eine höhere Macht, die gütig des Menſchen Schickſal beſtimmt und leitet. Er findet Troſt und Stärke in der Religion. Sein Leben und ſeine Kunſt mahnen uns eindringlich: lerne Ehrfurcht empfinden!
Schon früh lenkte ſeine treue Mutter ſeinen Sinn auf die Religion. Als wackere Bauersfrau hat ſie ſich ihr Leben lang redlich plagen müſſen, und da hat ſie gar bald gemerkt, daß alles Mühen und Schaffen, alles„Gepappel und Gezabbel“, wie Thoma es nennt, umſonſt iſt, wenn der Segen des Himmels fehlt. Mag der Acker noch ſo gut beſtellt ſein, wenn Regen oder Sonnenſchein nicht zur rechten Zeit eintreffen, war alles Plagen umſonſt. Und die reichſte Ernte iſt in wenigen Minuten durch Hagelſchlag vernichtet. Da lernt der Menſch treulich ſeine Pflicht tun und dem Himmel gelaſſen vertrauen, daß er ſein Mühen ſegne. Und droben in ſeiner Schwarzwaldheimat erlebte der Knabe täglich die Wunder der Natur; viel unmittelbarer, eindringlicher ſprach ſie zu ihm als zu uns Städtern, wenn er die Sonne herrlich aufgehen ſah, wenn der Sturm in den Wäldern heulte, oder wenn in kalter Winternacht das Heer der Sternlein funkelnd die Himmelswacht bezog.„Hätte ich Worte gefunden,“ ſagt Thoma einmal,„ſo wäre mein Geſang ein Pſalm geweſen.“ Da lernte ſchon der Knabe ehrfürchtig ſtaunen, da lernte er ahnen, wie gering der Menſch iſt und wie abhängig von einer höheren Macht. Und da lernte er früh erkennen, daß es Fragen gibt im Leben, auf die wir Antwort nimmer finden.
Früh fühlte er auch, wie in allem Geſchaffenen ein Strom geheimnisvollen Lebens rinnt, wie alle Geſchöpfe, nach denſelben„ewigen, ehrnen ‚„großen Geſetzen“ ihres Daſeins Kreiſe vollenden


