Vor allem: er hat immer vergeſſen können. Und das iſt eine tapfere Kunſt! Schlimm hat er bis in ſein hohes Alter leiden müſſen durch den Unverſtand und den böſen Willen ſeiner Mit⸗ menſchen. Spott und Hohn und üble Nachrede hat er immer wieder zu ertragen gehabt. Weil er ſo ganz anders malte wie alle andern, weil er ſeine eigenen Wege ging, nannten ſie ihn„Meiſter Klex“ und gaben ihm den Rat:
Streich Käſten an und Schrein', doch das Malen, das laß ſein.
Oder weil er die einfachen Leute aus dem Volke ſo gerne malte, und zwar gleich lebensgroß, ſchalten ſie ihn„Sozialdemokrat“, und das war damals noch eine wüſte Beſchimpfung. Und in Karlsruhe, wo ſeine Bilder durch das leuchtende Grün ihrer Wieſen auffielen, nannten die Leute einen gewiſſen Salat„Thoma-Salat“. Aber das alles hat ihn weder damals noch ſpäter angefochten: mit heiterer Ruhe ſpricht er in ſeinem Buche von dieſen Leiden, keinen einzigen ſeiner Peiniger nennt er mit Namen, nirgends iſt eine Spur von Groll. Eine harmloſe Rache übte er früher gelegentlich aus: er machte ein Verschen auf ſeine Kritiker, wie wir nachträglich aus ſeinem Buche erſehen, z. B.
Vor rotem Tuche wird der Ochſe wild, Du wurdeſt es, weil grün mein Bild.
Auch kein einziges ſeiner Bilder zeigt, daß er verbiſſen oder verhärtet geweſen wäre: er wollte vergeſſen, wollte fröhlichen Herzens durchs Leben wandern.
Vergeſſen konnte er auch— am richtigen Orte— das Denken. Denn manchmal wollte er nur ſehen, nur lauſchen, und da wäre alles Nachdenken, alles Kritiſieren ihm hindernd im Wege geſtanden.
Und weiter konnte er auch überſehen. War die Reiſegeſellſchaft unangenehm, die Unterkunft ſchlecht, ſo war's draußen in der Natur deſto köſtlicher.
Sich zu freuen verſtand er immer auch deshalb ſo gut, weil er lachen kann, ſo recht von Herzen lachen. Die Zeiten ſind gar ernſt, und die meiſten Menſchen haben im Kampfe ums tägliche Brot und in der Not des Alltags das Lachen verlernt. Und da laſſen wir ſo oft den Kopf hängen und quälen uns und ſehen alles ſo gar ſchwarz und trübſelig an. So war aber der Thoma nicht. Der machte immer ein fröhlich Geſicht. Und wenn's ihm auch nicht ums Fröhlichſein war, ſo zeigten doch ſeine Züge nichts davon, wie's im Herzen ausſah. Er meint, wir ſollten bei den Japanern in die Schule gehen und deren Lächeln der Gelaſſenheit nachahmen, das angewöhnte, aner⸗ zogene Lächeln der unerſchütterlichen Ruhe. Denn wenn das Geſicht lächeln kann, meint er, dann ſtimmt oft auch das Herz mit ein, und dann iſt die„Sorge verflogen. Ein herzliches, fröhliches Lachen iſt nach Thomas Anſicht die beſte Medizin, und er möchte am liebſten im Schwarzwald eine Kuranſtalt gründen, in der alle griesgrämigen Geſellen geheilt werden ſollen— durch eine Lächelkur.
Einmal ſtand Thoma in Rom, mit einem Rieſenſtadtplan in der Hand, und ſuchte drauf den Lateran.„Quanto costa per Laterano?“ fragte er zuletzt einen Droſchkenkutſcher, der dabei ſtand.„Dieci lire“. Schmunzelnd ging Thoma weiter, denn er wußte, daß jener handeln würde. Und ſo kam's auch:„Otto, cinque, due lire“, ſcholl's hinter ihm drein, und als er immer noch weiterging,„une lira“. Da ſtieg Thoma ein, und nach ein paar hundert Schritten hielt der Wagen ſchon vor dem Lateran. Da ſah Thoma den Kutſcher groß an, der Kutſcher den Thoma, und beide brachen in ein herzliches Lachen aus: der Kutſcher, weil jemand ſo dumm ſein konnte, den Lateran nicht zu finden, trotz des Planes in der Hand, und Thoma, weil er faſt für 10 Lire um eine Ecke nach dem Lateran gefahren wäre. Wie mancher hätte ſich da den Tag verärgert und auf den„unverſchämten Kerl von Kutſcher“ geſchimpft.
Sich zu freuen verſteht Thoma auch, weil er die Gabe der Sonntagskinder beſitzt: ſich mit einem Schlage ins Märchenland zu verſetzen. Das tägliche Leben iſt oft ſo nüchtern und trocken und hart, und es gibt ſo viel Unerquickliches in der Welt. Niemand bleibt verſchont: mit eueren kleinen Schulſorgen fängt's an, und bei uns Großen hört's ſchon gar nicht mehr auf. Aber wenn's euch trüb und unerfreulich und werktäglich zu Mut iſt, dann macht's wie der Thoma:


