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ein ſchönes Bild, oder ſpricht ein großer Künſtler in Tönen zu euch, dann könnt ihr alles, was er ſagen will, mitempfinden und miterleben. Dann erwachen in euch ſchöne Erinnerungen an ſonnige Tage und liebe Menſchen, mit denen ihr ſie verlebt habt. Ihr hört wahrhaftig die Quellen wieder murmeln, aus denen ihr getrunken habt; die Bäume rauſchen wieder, unter denen ihr geruht, die Vöglein ſingen, und alles, alles lebt wieder. Was den Künſtler bewegt hat, das ſpricht auch zu euch. Und weil Thoma in ſeinen vielen Bildern nur ſchildert, was er wirklich gefühlt und erlebt hat, drum
ſprechen ſie immer wieder zu uns, wenn wir uns in ſie vertiefen. Denn wir haben ja ſehen gelernt!
Eine merkwürdige Entdeckung machte Thoma beim Wandern, und euch wird's gerade ſo gehen: jede Gegend gewinnt ihr lieb, und wäre ſie beim erſten Anblick noch ſo einförmig und öde, und am meiſten wächſt euch ans Herz die, die ihr am beſten kennen lernt: eure Heimat. Sie iſt ein großes, ſchönes Buch mit gar ſeltſamen Geſchichten, ernſten und heiteren, und mit viel ſchönen Bildern. Und wenn ihr alt würdet wie Methuſalem, ſo könntet ihr dies Buch nimmer ausleſen.
Unmerklich lernt man beim Wandern eine Kunſt, auf die ſich Thoma ſein Leben lang trefflich verſtanden hat und noch verſteht: die Kunſt, ſich zu freuen. Auch das meint ihr natürlich zu können, denn ihr freut euch ja tagtäglich über alles mögliche. Aber ſo iſt's gar nicht gemeint. Hans Thoma lernte ſich ſo freuen, er wurde ſo fröhlich, daß er von Herzen lachen konnte, auch wenn es ihm recht trübſelig ging im Leben. Schon als kleiner Hüterbub droben im Schwarzwald hat er ſo viel Sonnen⸗ ſchein, ſo viel Wärme in ſich aufgenommen, daß er ſein ganzes Leben lang fröhlich geblieben iſt. Den Kopf hat er nie hängen laſſen, der Frohſinn iſt immer wieder durchgebrochen. Und drum iſt auch alles ſo ſonnig und freundlich, was er geſchaffen hat: ſeine Bilder und ſein Buch, und ſonnig iſt auch ſein Lebensherbſt. Einfache Leute, Menſchen aus dem Volke, hat er immer mit Vorliebe gemalt; ihre Hände ſind zerarbeitet, ihre Geſichter durchfurcht von den Runzeln, die ein Leben voller Mühe und Sorgen eingegraben hat. Aber fröhlich und jung ſind ihre Augen geblieben, denn ſie ſpiegeln all die Güte und Liebe wieder, deren das Herz ſo übervoll iſt.
Und die Kinder ſind Thoma beſonders ans Herz gewachſen, denn ſie können oft ſo viel fröhlicher und ausgelaſſener ſein als die Großen.„Ihr Lächeln iſt das Lächeln des Sonntagsfriedens, welches einige Menſchen aus dem Paradies noch für unſer Erdenwallen gerettet haben“.(Thoma). Selbſt die Tiere, die Thoma malt, ſind voll Lebensluſt. Und die Natur ſchildert er mit Vorliebe im Frühjahr, wenn alles ſproßt und treibt, im Sommer, wenn das Korn reift und die Schwarz— waldwieſen bedeckt ſind mit Millionen von Blumenſternen, oder er malt den Herbſt mit der Glut ſeiner Farben. Nur ganz wenige Winterlandſchaften hab' ich entdecken können unter vielen hundert Bildern. Wohl kennt und ſchildert Thoma den Ernſt des Lebens, aber Häßliches, Trübſeliges hat er nie im Bilde feſtgehalten. Und wenn er im Gefühl ſeines jungen Eheglückes ſein junges Weib und ſich malte und dahinter den Tod, ſo war ihm dies nicht ein memento mori, ſondern ein memento vivere!
Dieſe innere, dauernde Freude, dieſe Fröhlichkeit des Herzens und Denkens meine ich, wenn ich euch zurufe: lernt euch freuen! Folgt dem Beiſpiele der Frau, deren Namen unſere Schule mit Stolz trägt, der Frau Rat. In den Werken ihres Sohnes gefiel ihr keine Stelle beſſer als jene im „Götz“:„Freudigkeit iſt die Mutter aller Tugenden“. Jene Freudigkeit meine ich, von der Liliencron, der Lebenskünſtler, ſagt:
Iſt auch das Daſein voller harter Schmerzen,
Spielt ewig die Tragödie auch herein,
Mein Gott, wir haben Sonnenſchein im Herzen,
Laßt nur die Freude ſommerfroh gedeih'n.
Denn ſo viel Luſt, ſie iſt nicht auszumerzen.
Sie ſoll, ſie muß der Plagen uns befrei'n.
Hinauf, hinab, wie tolle Kinder ſpielen:
Wer ſich das wahrt, der kommt zu hohen Zielen. (Poggfred).
Sich ſo zu freuen, iſt eine ſchwere Kunſt. Zum Glück erzählt uns Thoma, welchen Weg er gegangen iſt, um ſein hohes Ziel zu erreichen.


