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Augen, der ſich ſeine Vaterſtadt eroberte, indem er durch ihre Gaſſe wanderte, über alles ſich Rechen⸗ ſchaft gab und die Menſchen und ihr Treiben beobachtete. Bittet eure Eltern, mit euch durch die Altſtadt zu ſtreifen. Blickt hinein in die alten, traulichen Häuſer, die, engbrüſtig und ſchmal, ſich ſehnſüchtig aus den dunklen Gaſſen hinaufrecken nach dem Lichte. Sucht die wunderlichen Namen der Gaſſen und Häuſer zu deuten, beobachtet, wie merkwürdig die ganze Altſtadt angelegt iſt, ſo wie das Netz einer großen Spinne. Habt ihr einmal abends den Dom glühen ſehen wie flüſſig Feuer, wenn die untergehende Sonne ihn mit ihren Gluten übergoß? Habt ihr ſchon das Treiben auf dem Maine beobachtet oder den Weihnachtsmarkt auf dem Römerberg euch angeſchaut? Und dann fragt auch, was ſich alles abgeſpielt hat im Römer und im Dom und in der Paulskirche und wo ihr ſonſt hinblickt.
Und wenn ihr eure Schularbeiten gemacht habt, dann hinaus ins Freie! Lernt wandern! Auch das meint ihr zu können— und könnt's doch nicht. Wenn der junge Hans Thoma wanderte, dann war leicht das Gepäck, leicht der Sinn, leicht der Beutel. Von Büchern nahm er auf die Reiſe mit„nur ſoviel, daß ſie die Augen nicht verdarben“. Daheim ließ er auch alle Grillen, und wenn doch ein paar unbemerkt mit ihm hinausgingen, ſtarben ſie gar bald eines elenden Todes im hellen Sonnenlicht, das er ſich kräftig auf den Pelz brennen ließ. Gerne wanderte er allein oder mit ein paar guten Geſellen. Und da lauſchte er, lauſchte auf die mancherlei Stimmen und Töne draußen in Wald und Feld, lauſchte auch auf die Stimme in ſeinem Innern. Und„wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen beſchloſſen liegt, der muß in die Stille gehen und muß allein ſein und horchen und darf nicht fragen: iſt es den Leuten recht ſo! Sonſt ſchallen die Trommeln und Pfeifen der Jahrmärkte herein, und der rechte Ton geht darüber verloren, daß er auf zweierlei hat gehorcht“. (A. Schieber). Und dann hat er auch weit die Augen aufgemacht und alle die freundlichen und ſonnigen Bilder in ſich aufgenommen, und ſo wurde ſein Herz wie der Zauberſpiegel des Märchens, in den alle Schönheit der Welt gebannt iſt. Nie hätte er ſo viele herzerfreuende Bilder ſchaffen können, wenn nicht immer wieder ſeine Augen getrunken hätten„von dem goldnen Üüberfluß der Welt“.
So müßt ihr's auch machen, liebe Kinder! Macht ſchon vorher Reiſepläne, packt ſchon am Samstag den Ruckſack: das erhöht die Vorfreude; und wenn dann der Sonntag an den Himmel kommt, dann hinaus, ob's regnet oder ſchneit. Laßt alle Gedanken an den Werktag daheim, ſprecht nicht von der Schule, laßt die Berge und den Wald erzählen. Die haben ſchon ſo viel erlebt, beſonders droben der Altkönig und die Saalburg. Wie feierlich klingen in der Sonntagfrühe die Glocken von den Taunusdörfern herauf, wie glitzern die Tannen ſo ſchön im Rauhfroſt! Wie hüpft im Sommer das Eichhörnchen flink von Aſt zu Aſt! Seht einmal zu, wie wunderbar ſo ein„garſtiger“ brauner Ameiſenhaufen im Innern gebaut iſt, ſchaut, wie die Vöglein ſo kunſtvoll ihre Neſter bauen und für ihre junge Brut ſorgen. überall gibt's Merkwürdiges zu entdecken.„Nur die Augen nicht vergeſſen, nur dieſe Eingangstore zur Seele weit öffnen, dann zieht die Schönheit gern ein. Denn ſie iſt überall zu Hauſe und ſucht nach Seelen, die ſie erkennen“.(Thoma). So lange ihr nicht aus vollem Herzen ſingen könnt:„Wie biſt du doch ſo ſchön, o du weite, weite Welt!“ ſo lange könnt ihr nicht ſehen, und ſo lange habt ihr den Alltag in euch ſtatt Sonnenſchein und Sonntagfrieden.
Und wenn euch etwas beſonders merkwürdig erſcheint oder beſonders freut, dann raſch das Skizzenbuch zur Hand und mit ein paar Strichen gezeichnet, recht und ſchlecht, wie's geht, beſſer ſchlecht als gar nicht. Nur macht's dann nicht wie Thoma: der hatte einmal in Italien ſein Skizzenbuch gerade ſchön voll mit lieben Erinnerungen, da ließ er's im Omnibus liegen, und er hat's nie wieder bekommen.
Aber nicht nur die Gegend lernt beobachten; viel merkwürdigere Dinge entdeckt ihr, wenn ihr euch ein bißchen mit den Menſchen anfreundet, wie's Thoma immer machte. überall fand er, wie er erzählt, freundliche Menſchen, ſie erzählten ihm von ihren Freuden und Leiden, und da lernte er gerade die Armen am Geiſte und die einfachſten Menſchen ſchätzen und lieben.
Beobachtet beim Wandern, wie mühſam ſo ein Taunusbauer ſein kärgliches Brot verdient, ſeht, wie ſo ganz anders ein Nordſeefiſcher lebt als ein Senn in den Alpen, und wie ſie doch alle verwachſen ſind mit dem Heimatboden, und das deſto inniger, je kärglicher er ihre Mühe lohnt.
Wenn ihr ſo Bild auf Bild in euch aufnehmt beim Wandern, dann lernt ihr immer klarer ſehen, lernt dieſe Bilder immer deutlicher feſthalten in der Erinnerung. Ihr werdet, wie Dürer es ausdrückt,„inwendig voller Figur“. Hört ihr dann ein Gedicht vortragen, vertieft ihr euch in


