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Hans Thoma, ein deutſcher Mann und Mieiſter.
Anſprache, gehalten am 27. Januar 1910 von Herrn Oberlehrer Sommerlatt.
Verehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen!
Die wehenden Fahnen draußen, das Glockengeläute und der Donner der Geſchütze haben uns ſchon an die Bedeutung des heutigen Tages erinnert. Und wer das alles überhört und überſehen hätte, dem ſagt's der lachende Sonnenſchein— das richtige Hohenzollernwetter—, daß wir heute das Geburtsfeſt Seiner Majeſtät unſeres Kaiſers und Königs begehen.
Eindringlicher als ſonſt im Getriebe des Alltags wird uns an einem ſolchen Feſttage bewußt, daß wir Deutſche ſind. Und unwillkürlich ſchweifen unſere Gedanken rückwärts über die lange Reihe aller derer, die unſer ſtolzes Reich geſchaffen, die es groß und mächtig gemacht haben. Wir gedenken auch der Tauſende namenloſer Helden, die Gut und Nuut freudig geopfert haben für's Vaterland, für ihre Nachfahren, für uns. Aber nicht nur ſie haben den Ruhm Deutſchlands ſchaffen und mehren helfen, nicht nur ſie haben uns das Vaterland teuer gemacht: Fern vom Haſten und Jagen des Alltags ſchaffen — verträumt und verſonnen— ſtille Menſchen, Gelehrte und Künſtler. Und wenn in ſchwerer Zeit unſer Volk in Gefahr iſt, ſeinen idealen Zielen untreu zu werden, wenn es im heißen Ringen um materielle Güter ſeinen mutigen Glauben an geiſtige Werte zu verlieren droht, dann braucht es nur zu ſchaun auf die Werke ſeiner Denker und ſeiner Künſtler, in denen deutſche Art, deutſches Träumen, deutſcher Glaube ſich verkörpern.
Von einem ſolchen Künſtler möchte ich euch heute erzählen. Hört, was mir droben im Schwarzwalde die Tannen zurauſchten von dem Maler Hans Thoma; hört, was ich aus ſeinen Bildern, was ich aus der Geſchichte ſeines langen Lebens herauslas.
Sie mahnten mich eindringlich: lerne ſeheni lerne dich freuen! lerne verehren! lerne Treue üben!
Lernt ſehen, liebe Kinder, macht weit, weit die Augen auf!
Das hat ſchon das kleine Hänschen Thoma trefflich gelernt, und drum kann's der Hans Thoma noch ſo gut Schon frühe,„lange vor der Zeit, da die Buben Hoſen tragen dürfen“, war er kein Stubenhocker. Eifrig machte er von der traulichen Eckſtube ſeines ſtrohgedeckten Elternhauſes aus ſeine Entdeckungsfahrten hinaus ins Freie. Die murmelnden Bächlein erzählten ihm von den Wundern tief drinnen im Innern der Erde, der Tannenwald raunte ihm gar ſeltſame Märlein zu von Zwergen und Ungeheuern, die in ſeinem geheimnisvollen Dunkel hauſten. Die luſtigen Wolken— ſchiffe berichteten ihm von fernen, ſchönen Ländern und ihren Wundern. Und über den dunkeln Wäldern ragten zauberhaft die Alpen zum Himmel, durchſichtig blau wie die gläſernen Berge im Märchen, und da träumte er von Feen und Rittern.
Aber auch mit allerlei Tierlein wurde er bald gut Freund: mit den Hühnern und den Katzen beſonders und mit dem luſtigen Starmatz in ſeinem Häuschen auf der hohen Stange; und die poſſierlichen Sprünge der Zicklein im hohen Graſe gefielen ihm beſonders gut.
Dann, als er älter wurde, freundete er ſich auch mit den Menſchen an und ſah zu, wie ſie ſich mühten. Er ſtand wohl dabei, wenn der Vater die Senſe dengelte und den Acker beſtellte; da half er wohl der Mutter Brot backen und ſpinnen, da ſah er ſich auch bei den Nachbarn um und achtete auf deren Hantierung.
Macht's auch ſo, liebe Kinder! Lernt ſehen, lernt erleben! Seht euch in der Heimat um, und wenn ihr die kennt, dann reiſt und wandert und ſchaut, wie ſchön es überall iſt in Gottes weiter Welt.
Aber die meiſten von euch können ja gar nicht ſehen und hören und etwas erleben! Kennt ihr eure Vaterſtadt wirklich? Kennt ihr auch nur die Straße genau, in der ihr wohnt, und habt ihr keine Entdeckungsfahrten mehr zu machen in eurem Elternhauſe? Habt ihr einmal zugeſehen, wie alle die tauſenderlei Dinge entſtehen, die ihr täglich in die Hand nehmt? Macht's wie ein ander Frankfurter Kind, wie der kleine Wolfgang Goethe, der den Handwerkern zuſah mit großen, fragenden


