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sich wundern, dass ich so spreche in dem Augenblicke, wo uns doch die glänzenden Spuren des Fortschrittes zu umgeben scheinen, und dass ich so spreche vor Männern, die sich doch wahrlich den tüchtigen Volksbildnern zugesellen dürfen. Aber gerade dass ich in so ungewöhn- licher Versammlung zu diesen Männern sprechen darf, die in der Ausübung ihres Berufes so reiche Erfahrung gesammelt haben, ermuthigt mich, die Gefahren hervorzuheben, die der Bildungs- gang unsrer Zeit bereitet, und den Weg anzudeuten, auf dem sie möglichst unschädlich gemacht werden können. 4
Dass diese Gefahren für die Jugend beider Geschlechter vorhanden sind, werden Sie mir zugeben. Dass sie in weit grösserem Maasse der gesunden, naturgemässen Entwicklung der weiblichen Jugend drohen, weiss jeder Pädagoge und hat es oft mit Besorgnis gefühlt und er- wogen. Das Haus ist Heimat und Wirkungsstätte des Weibes! Hier soll sie schalten als that- kräftige Herrin, in ihrem stillen, unermüdlichen Walten sich selbst glücklich machen durch das erhebende Bewusstsein treuer Pflichterfüllung und den schönsten Lohn ernten in dem Wohl- gefühl und der liebenden Anerkennung des Mannes, in der fröhlichen Entwicklung ihrer Kinder. Aber das vielfordernde Leben mit seinen berechtigten und unberechtigten, von Geschlecht zu Geschlecht sich mehrenden Ansprüchen lässt so viele Mädchen nicht zu dem Ziele gelangen, an dem sie ihren naturgemässen Beruf freudig und erfolgreich erfüllen dürfen. Und doch ist die Arbeit»des Lebens Balsam und der Tugend Quell.« Wohl können diese Mädchen, wenn das väterliche Haus die Mittel bietet, in manch Nutzen stiftender und geistbildender Beschäftigung Ersatz finden und die Befriedigung erlangen, dass auch ihr Leben reich an inneren Schätzen sich entwickelt und in dem Gesammtleben nicht unnütz verfliesst.
Aber wie vielen Mädchen kann das Haus diese Stätte beschränkter Wirksamkeit nicht bieten! Sie sind hinausgewiesen in fremde Kreise, um sich dort ein eignes Arbeitsfeld zu schaffen. Gewiss liegt es dann der Natur des Weibes am nächsten, dass sie an andern das übe, was ihr im eignen Hause zu üben versagt ist, dass sie schaffe für andere oder in erziehender und lehrender Thätigkeit sich selbst genüge und im Gelingen ihres Werkes eigne Zufriedenheit und Achtung und Liebe der Menschen gewinne. Diesen Weg zum Lebensglücke sind denn auch von jeher Tausende aus äusserer Noth oder innerem Drang gegangen. Aber erst unsre Zeit ist ernst darauf bedacht, ihnen Richtschnur und die Mittel zu geben und sie geistig auszurüsten zu erfolgreicher Uebung ihres Berufes. Die Regierungen sorgen in immer ausgiebigerer Weise für die Gründung von Seminarien zur Ausbildung der Lehrerinnen, und die pädagogische Welt beschäftigt sich in ernstester Weise mit dem inneren Auf- und Ausbau dieser Anstalten.
Ist nun das wetteifernde Streben in dieser Richtung als ein grosser und höchst erfreulicher Fortschritt zu betrachten, und dürfen wir die sichere Hoffnung hegen, dass in nicht ferner Zeit die Mädchenschule in ihrer vollständigen Gliederung bis hinauf zu den Seminarien und Fort- bildungsanstalten, sei es durch staatliche oder städtische Vorkehrungen, sei es durch das freie Zusammenwirken edler Frauen und Menschenfreunde, ihre feste und würdige Stellung erhalte in dem Gesammtorganismus der Bildungsanstalten: so treten doch gerade auch hier wieder Er- scheinungen zu Tage, die noch grössere Gefahren in sich bergen, als die sind, welche durch die allgemeinen Culturverhältnisse hervorgerufen werden, Ich will nicht von den bedauernswerthen Ausschreitungen sprechen, zu denen die nicht immer ganz lautere Besprechung der Tagesfrage über die Stellung des Weibes bereits geführt hat, Ausschreitungen, die in ihrer rücksichtslosen Durchführung die Welt der menschlichen Gesellschaft aus ihren Angeln zu heben drohen; auch in dem engeren Kreise der Erziehung und des Unterrichtes gehen die Ansichten bewährter Pä- dagogen noch darüber auseinander, wie weit man die Kreise des Unterrichts in der Mädchen-


