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Und muss uns nicht das, was wir in dem letzten Lustrum auf diesem Gebiete in unsrer Mitte haben entstehen sehen, wenn es auch noch vielfach unfertig erscheinen mag, doch auffordern, den Männern aufrichtigen Dank darzubringen, die unablässig bemüht sind, den grossen Forderungen der Zeit auf dem Gebiete der Jugendbildung zu genügen? Hier an dieser neuesten Stätte, die sie geschaffen, sei dieser Dank aus vollem Herzen dargebracht. Dass aber unsere Anstalt nun hier einziehen kann als eine bereits wohlgegliederte Schule der weiblichen Jugend, der zu ihrer vollständigen Organisation als höheren Töchterschule und Lehrerinnenseminar nur Raum und Selbständigkeit fehlte: das dankt sie zumeist dem verehrten Manne, der sie bis zu diesem Augenblicke geleitet hat. Auch seine würdigen und begeisterten Vorgänger haben dem weib- lichen Kreise der Musterschule volle Liebe und Einsicht gewidmet und die Mütter und Gross- mütter unserer heutigen Schülerinnen sind ja noch voll Lobes und Dankes und gedenken mit Rührung der schönen Jahre ihrer Schulzeit, wo ihnen aus dem freudestrahlenden Antlitz eines Ackermann die Vaterlandsbegeisterung der Befreiungsjahre ins Herz hineinleuchtete und die Meisterwerke unsrer Dichter, in deren Verständnis sie eingeführt wurden, ihre Seele zum Edlen emporhob. Auch wir gedenken dieser unsrer Vorgänger mit verehrender Anerkennung; sie haben den gewiss ohne alle Ueberhebung gewählten Namen der Schule durch ihr erfolgreiches Wirken zu einem Ehrennamen gemacht.
Aber in dem gewaltigen Fortschritt der Zeit wurden immer höhere Forderungen an beide Theile der Schule gestellt, und es ward ihrer Leitung durch eine Hand schwer, diesen Forderungen Genüge zu thun. Da wurde der Mann an die Spitze der gemeinsamen Anstalt berufen, der sie bis heute geleitet hat. Bald erkannte er, wie schwer, ja unmöglich es sei, beide Anstalten in dem Maasse auszubilden, wie es die Steigerung der Ansprüche an Jugendbildung verlangt; aber die äusseren Verhältnisse liessen eine Trennung noch nicht zu. Demungeachtet liess er den Muth nicht sinken; mit unermüdlichem Eifer und rastloser Sorgfalt führte er beide Anstalten von Stufe zu Stufe zu dem Ziele, wo sie nun auch räumlich getrennt, als erste Bildungsanstalten selbständig ihren Weg gehen können. Wenn der verehrte Mann, trotz der erhebenden Genugthuung, mit der er heute auf diesen Erfolg blicken kann, nur mit Wehmuth von der Leitung dieser ihm liebgewordenen Musterschule der Mädchen scheidet: so möge ihn ein auf- richtiges Wort des Dankes und der Anerkennung aus dem Munde eines treuen Collegen erfreuen und die herzliche Bitte, er möge unsrer von ihm so liebevoll gepflegten Schule auch fernerhin mit Rath und That gewogen bleiben und gerne mitwirken, dass die geschichtliche Zusammengehörigkeit beider Schulen auch in der ferneren Zeit lebendig bleibe in den Familienkreisen, die ihre Kinder diesen Schulen anvertrauen.— Der Pflicht und dem eigenen Bedürfnis des Dankes habe ich, rückwärts schauend, zu genügen gesucht; die Gegenwart und ihre Bedeutung für die Zukunft fordert nun zu ernster Betrachtung auf.
Verehrte Anwesende! Heilig ist diese Stunde! Eine neue Zeit beginnt für unsre Schule, und indem wir diese neuen Räume einweihen zu dem hochwichtigen Werke erziehender Bildung, dessen Früchte noch spätere Generationen geniessen sollen, schauen wir mit dem Auge des Geistes voraus in zukünftige Tage, in denen andere Geschlechter sich hier versammeln werden zu gleichem Zusammenwirken. Wenn diese zurückblicken werden in die Zeit, in der wir jetzt wirken: wie wird dann, fragen wir, ihr Urtheil ausfallen über das, was wir geleistet? Werden sie unser mit dankender Anerkennung gedenken? oder werden sie bedauernd, wenn nicht bitter tadelnd, sagen müssen:»sie sind auf Irrpfaden gewandelt; sie haben nicht erkannt, was dem weiblichen Geschlechte noth that; was sie gesäet haben, es war nicht kraftspendender Waizen, es war be- täubendes, entnervendes Unkraut?« Es könnte wohl einer oder der andere der Anwesenden
Elisabethenschule 1877. 3


