Aufsatz 
Festrede bei der Feier des 100jährigen Geburtstages der hochseligen Königin Luise
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16 Wirken, die Lernenden aber erfülle mit Durst nach Erkenntnis und mit liebevoll vertrauender Hingabe an die Führer und Führerinnen, deren heilige Aufgabe es ist, die Jugend in treuem Zusammenwirken mit ihren Eltern für die Aufgaben des Lebens vorzubereiten und für seine Freuden und Leiden tüchtig zu machen.

Das zweite Wort in dieser Feststunde sei ein Wort aufrichtigen Dankes. Wir bringen ihn den hochverehrten Behörden unserer Stadt, die in rastlosem Zusammenwirken die würdige Ausrüstung dieser Stätte zu Stande gebracht haben.

Wohl kann sich diese Stadt freuen, zu allen Zeiten thatkräftige, edle Männer in ihrer Mitte gehabt zu haben, die für die Förderung des Wohlseins ihrer Mitbürger mit selbstloser Aufopferung geistige Kraft und materielle Mittel eingesetzt haben, und die seit Jahrhunderten bestehenden gemeinnützigen Anstalten Frankfurts zeugen laut von dem edlen Sinn ihrer Be- wohner. So ist denn auch zu Anfang dieses Jahrhunderts die Musterschule, die sich nun in zwei selbständige Schulanstalten abgezweigt hat, die erste an die Stelle des jeder Methodik baaren Quartierschulenthums getretene Pestalozzischule der Stadt, ein Werk des Gemeinsinns edler Bürger, die, begeistert für das neue Licht, das die grossen Denker des 18. Jahrhunderts in ihren Schriften verbreiteten, in opferfreudiger Anregung und Unterstützung der Stadtbehörde diese Pflanzstätte wahrbaft menschenwürdiger Bildung durch freiwillige Beiträge und reichliche Dotationen gründeten und durch diese Gründung und durch die Berufung begeisterter Schüler des grossen Pestalozzi mitten in der Zeit tiefster Erniedrigung und äusserster Muthlosigkeit unseres Vaterlandes die Kraft eines selbständigen Volksgeistes erweckten für die glorreichen Kämpfe der Befreiung.

Aber die auf den ruhmvollen Kampf und herrlichen Sieg folgende verhängnisschwere Zeit polizeilicher Bevormundung, büreaukratischer Einschnürung und dürren Buchstabenglaubens und Glaubenszwanges wirkte wie lähmender Frühlingsfrost auf die jungen Blüthen geistigen Strebens; Volk und Regierungen wurden sich in gegenseitigem Mistrauen entfremdet und es begann jener zu Erbitterung einerseits und zu schnöder Verfolgung und Unterdrückung andrer- seits sich steigernde Kampf der politischen Meinungen, der fast ein volles halbes Jahrhundert lang uns die Frucht der grossen Befreiungsjahre vorenthalten hat. Wohl litt die Entwicklung des Schulwesens unter diesem beklagenswerthen politischen Siechthum nicht in dem Maasse wie das staatliche Volksleben; im Gegentheil erwuchs in den meisten Staaten des Vaterlandes die neue Schule immer kräftiger, und in unserer Stadt wurde eine Reihe von Volksschulen gegründet, die in beschränkterer Sphäre mit denselben Mitteln dieselben Zwecke verfolgten, wie die immer freudiger sich entwickelnde Musterschule; vor allem aber stiftete das einträchtige und einsichts- volle Zusammenwirken tüchtiger Männer, deren Herz warm schlug für das geistige und materielle Wohl der arbeitenden Klasse, unter freudiger Betheiligung der gesammten Bürgerschaft, jene würdige Polytechnische Gesellschaft, die nun seit mehr als einem halben Jahrhundert immer mächtiger sich entwickelnd, in den verschiedenen Anstalten, die im Lauf der Zeit aus ihrem Schosse hervorgegangen sind, Fleiss, Sparsamkeit und Bildung im Volke fördert und Schulen errichtet hat, die jetzt in den Organismus des städtischen Schulwesens eingefügt, als ebenbürtige Glieder desselben mit den andern Schulen wetteifernd blühen. Aber erst seitdem in dem ge- waltigen Aufschwung der vierziger Jahre das Volksbewusstsein immer dringender und unwider- stehlicher die Einigung und in ihr Stärke und Macht des Vaterlandes verlangte, und endlich, nach blutigem Zwiespalt, das neue deutsche Reich aus wunderbaren Siegen hervorgieng, hatte auch die Schule ihre Seele wiedergefunden, die Liebe zum grossen Vaterlande. Fortan erst können und dürfen wir mit stolzer Freude von deutschen Schulen und deutschem Schulwesen sprechen.