Aufsatz 
Festrede bei der Feier des 100jährigen Geburtstages der hochseligen Königin Luise
Entstehung
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19 schule ziehen dürfe und welche Ziele des Lernens und Lehrens der weiblichen Natur erreichbar seien, ohne ihre Kraft zu erschöpfen oder sie ihrer eigentlichen Heimat, der Gemüthswelt, zu entfremden.

Ich kann hier nur andeuten, wie schwierig die Aufgabe der Schule und insbesondere der Mädchenschule wird, je weiter wir vorwärts zu kommen glauben, und wie daher die zusammen- wirkende Kraft aller erforderlich ist, um alle die Hindernisse eines gesunden Fortschreitens zu beseitigen und dem Ziele näher zu kommen, von dessen Erreichung das Gesammtwohl der Mensch- heit abhängt. Wenn es uns Lehrern gelingt, uns klar zu machen über das Wesen unsrer weib- lichen Jugend, dann wird es uns leichter werden, die Ziele zu stecken für ihr Lernen und sie die richtigen Wege zu denselben zu führen. Aber bis zu einem gewissen Grade bleibt dem einen Geschlechte das innerste Wesen des andern Geschlechts ein Geheimnis; den Schlüssel zu demselben können uns nur die Frauen selbst geben. Das Wort Goethe's, wenn auch zunächst nur die ethische Seite des socialen Lebens berührend, gilt doch auch uns Lehrern als Fingerzeig

in unserm Berufe: »Willst du genau erfahren, was sich schickt, So frage nur bei edlen Frauen an; Denn ihnen ist am meisten dran gelegen, Dass alles wohl sich zieme, was geschieht.«

Und sie stehen uns ja zur Seite, diese edlen Frauen; es mehrt sich die Zahl derer, die sich's zur Lebensaufgabe machen, ihrem Geschlechte in den zunehmenden Drangsalen der Ver- hältnisse Schutz und sichern Halt und freudiges Wirken zu bieten. Auch wir wollen nicht fern bleiben von ihrem Streben, denn nur in der Verständigung und Vereinigung kann schliesslich das Heil gefunden werden.

Und auch die Geschichte und die Literatur müssen wir befragen; manch herrliches Bild edler Weiblichkeit erscheint uns dort aus ferner und naher Zeit, und lockt uns, sein Wesen zu ergründen, und wird uns sagen, ob wir recht gehen oder in unserm Streben irren. Edle Frauen in dem Heiligthum unsrer Schule gleichsam einzubürgern, dass sie uns helfen in der Charakter- bildung unserer Sehülerinnen, das ist eine unsrer schönsten und lohnendsten Aufgaben, die wir mit Liebe und Sorgsamkeit zu lösen bemüht sein müssen.

Sei es ein glückliches Zeichen, dass wir in dem von unsrer Behörde gewählten neuen Namen der Schule das Andenken einer Frau lebendig erhalten sollen, die nicht bloss Liebe und Verehrung verdient, weil sie die Mutter und treue Erzieherin unsres Goethe ist, sondern als ein Musterbild echter, harmonischer Weiblichkeit unsrer Jugend vorleuchten kann. Möge eine kurze Schilderung der Hauptzüge ihres Charakters dazu beitragen, den Namen der edlen und liebens- würdigen Frau zu beleben, deren Grab, durch einen einfachen Denkstein kenntlich, in dem Garten unsres alten Peterskirchhofs bewahrt wird.

»Körperlich und geistig echt gesund und kernhaft,« so äusserst sich der Herausgeber ihren echten Briefe,»erhielt sie sich diese Frische ihres ganzen Wesens bis ins höchste Alter.« Sie besass viel Verstand, und mit diesem klaren Verstande und mit der ihr angeborenen gei- stigen Lebendigkeit, mit allezeit offnem, klarem Auge hatte sie sich schon früh und mehr und mehr in ihrem langen Leben viel Lebenserfahrung und Meuschenkenntnis angeeignet und mit bewunderungswürdiger Selbsterkenntnis und scharfem Urtheil sich eine praktische Philosophie gebildet, welche ihr Richtschnur und Massstab wurde uud sie selbst am besten charakterisiert.« »Sein Gutes und Nichtgutes zu kennen«, sagt sie,»ist der einzige Weg, edel, gross und der

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