Aufsatz 
Festrede bei der Feier des 100jährigen Geburtstages der hochseligen Königin Luise
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

schwächter Kraft vorstand und jetzt noch als siebenundachtzigjähriger, in der Erinnerung an das schlichte, stets gleichmässige, aber reichgesegnete Schulleben fast die einzige Erquickung eines schweren Alters findet! Alle diese Bilder der Vergangenheit bewegten das Gemüth des Scheidenden; er konnte nicht Worte finden für alles das, was in dem Augenblick des Scheidens seine Seele durchzog. Aufrichtiger, innigster Dank, das war das Einzige, was er aussprechen konnte, Dank den verehrten Männern, unter deren Leitung er seine Laufbahn in der Schule be- gonnen, mit denen er gemeinsam und in ehrlichem Einverständniss gearbeitet hatte, Dank vor Allen dem bewährten Leiter der Schule, der ihn so ehrenvoll entlassen, und mit dem Danke das Versprechen, in seinem Sinne und Geiste und in eifrigem Zusammenwirken mit der Muster- schule und ihrem Lehrercollegium, die nun selbständig gewordene Mädchenschule im Vereine mit treuen Collegen weiter zu führen zu möglichster Vollkommenheit. So war die schlichte Feier vollbracht. Der scheidende Direktor aber wurde freudig überrascht durch reiche Geschenke, welche ihm die dankbaren Eltern seiner Schülerinnen und die Schülerinnen der Seminarklasse dar- brachten.»So wird auch,« wie er es selbst ausdrückt,»durch ein äusseres Zeichen das Andenken an diese wichtige, zwar arbeitsvolle, aber auch schöne Periode seines Lebens in seiner Familie aufrecht erhalten bleiben.«

Die Uebersiedelung in das neue Schulgebäude in der Göthestrasse, das am 7. Oktober von den Technikern, die den Bau geleitet hatten, den obersten Behörden der Stadt übergeben worden war, verzögerte sich um acht Tage. Am 14. Oktober wurde die Einweihungsfeier begangen.

Nachmittags 3 Uhr, nachdem sich die theilnehmenden Mitglieder der Behörden, die vom Schulcuratorium eingeladenen Direktoren, Rektoren und Oberlehrer der hiesigen Schulen, das Lehrercollegium der Schule selbst, dem sich die Lehrer der Knaben-Musterschule zugesellten, sowie die Schülerinnen der höheren Töchterschule in dem Festsaale versammelt hatten, leitete der aus den oberen Klassen gebildete und durch musikkundige Lehrer der Schule vervollständigte Gesangchor unter Leitung des Herrn Oestreich die Feier ein mit dem Vortrag der Hymne von J. Haydn: Du bist's, dem Ruhm und Ehr' gebührt. Der Oberbürgermeister der Stadt, Herr Dr. Daniel Heinrich Mumm von Schwarzenstein vollzog die Weihe des Tempels der Jugend in warmer, von einem für das Wohl der Vaterstadt, erfüllten Herzen eingegebener Rede, welche der ganzen Bedeutung des Augenblicks gerecht wurde und die hohe Wichtigkeit eines sorgfältig ausgebildeten Schulwesens für das Gedeihen der Menschheit hervorhob. Nachdem er den Männern, die den Bau erfunden, geleitet und zu so hoch erfreulicher Vollendung geführt hatten, den wohlverdienten Dank des Magistrats und der Bürgerschaft dargebracht, verlas er ein Schreiben des Königl. Provinzial-Schulcuratoriums in Cassel, in welchem diese Behörde ihr Bedauern aus- spricht, dass sie die Einladung zu der Feier nicht habe annehmen können und in welchem sie sagt, wenn sie auch keinen persönlichen Vertreter senden könne, so nehme sie doch warmen Antheil an einer so bedeutungsvollen Handlung und hoffe, dass die neue Schule, eine Zierde der Stadt, mehr und mehr eine Pflanzstätte wahrer Bildung werde. Nun warf der Redner einen Rückblick auf den Ursprung und die siebzigjährige Wirksamkeit der Musterschule, von der sich nun die neue Schule getrennt habe.

Wohl sei die Gründung und erste Gestaltung der Schule das hohe Verdienst einzelner her- vorragender Bürger der Stadt, des edeln unerschrockenen Schöffen, nachherigen Stadtschnltheissen Maximilian v. Günderrode, des feurigen Kanzelredners und unermüdllichen Seelsorgers, Seniors Hufnagel, des Staatsraths Simon Moritz von Bethmann, jenes welterfahrenen und weltklugen Handelsherrn, der ein Helfer und, Schirmherr seiner Vaterstadt in Leiten grosser Noth und Gefahr, jeder Zeit Rath und offne Hand hatte zur Unterstützung edler Unter-