Aufsatz 
Festrede bei der Feier des 100jährigen Geburtstages der hochseligen Königin Luise
Entstehung
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unser erhabner Kaiser, hat sie endlich errungen. Am 19. Juli, wo er 60 Jahre vorher am Sterbebette der Mutter geknieet hatte, stand er auch im Jahre 1870 an ihrer Grabstätte im stillen Tempel zu Charlottenburg; die Kriegserklärung von Frankreich hatte er an diesem Tage empfangen. Und wenn er heute im Kreise der Kinder und Enkel das Andenken der geliebten Mutter an der geweihten Stätte feiert, wie wird er Gott danken, dass er diesen Tag erlebt hat als kräftiger, weiser und gerechter Lenker des neuen deutschen Reiches! Sei auch uns der Tag heilig, ein Tag der Freude und des Dankes. Ich schliesse diese Worte der Feier mit der tief- sinnigen Dichtung Jean Pauls:

»Einst wird die ferne Zeit kommen, die uns um die Freude über das Grosse und Schöne, das wir besassen, beneidet; denn sie hat die Schmerzen vergessen, unter denen wir sie scheiden sahen. Ach, die Wolken sind uns jetzt grösser als die Sonne, denn sie sind uns näher.«

»Ihr Leben war uns ein Blumengarten voll Thau, und wie sich die Blumen bewegten, zeigten sie die reinen Thauperlen als neue Edelsteine; da nahm die Sonne die vom Himmel ge- sandten Tropfen wieder hinauf, und die Blumen standen als Ihre Cypressen da.«

Als Sie geboren wurde, trat Ihr Genius vor das Schicksal und sagte:»Ich habe vielerlei Kränze für das Kind, den Blumenkranz der Schönheit, den Myrtenkranz der Ehe, die Krone eines Königs, den Lorber und Eichenkranz deutscher Vaterlandsliebe; auch eine Dornenkrone, welche von allen darf ich dem Kinde geben?«»Gieb sie ihm alle, deine Kränze und Kronen,« sagte das Schicksal,»aber es bleibt noch eine Krone zurück, die alle übrigen belohnt.«

Am Tage wo der Todtenkranz auf dem erhabenen Haupte stand, erschien der Genius wieder, und nur seine Thränen fragten. Da antwortete eine Stimme:»blick auf!« Und Christus erschien mit der Ueberwinderkrone!«

So bleibe, Ihr theuern Schülerinnen, vor Eurem geistigen Auge das Bild der hehren deutschen Frau, geschmückt mit allen Kränzen und Kronen des irdischen Lebens, in der un- vergänglich strahlenden Krone der Ueberwinderin.

Wir nahen Dir, Verklärte, Lehr uns, den ernsten Pflichten Am Tag, der Dich gebar, All unsre Kraft zu weihn, Und bringen Dir in Liebe Dann können wir geniessen Den Dank des Herzens dar. Das Leben voll und rein. O0 schau auf uns hernieder, Und Kunst und Wissen schmücke Nimm unser Flehen an Auch unsern Lebensgang, Und segne unser Streben, So dass er sei wie Deines, Zu folgen Deiner Bahn. Harmonischer Gesang.

Wir vollen Gott vertrauen, Und weihe unsre Liebe Dankbar, wie Du, im Glück, Zum theuern Vaterland, Fest in dem Sturm des Lebens Für das die tiefsten Leiden Nie weichen feig zurück. 4 Dein grosses Herz empfand. Wie Du in dunkeln Nächten Wie Du, die Menschheit lieben, Zum Vater aufgeschaut, Ihr Kraft und Leben weihn, So stärk in unsern Seelen Das wollen wir geloben:

Den Muth, der Gott vertraut. Du sollst uns Vorbild sein.