Aufsatz 
Festrede bei der Feier des 100jährigen Geburtstages der hochseligen Königin Luise
Entstehung
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Sterbebette.»Aber die Königin,« so berichtet die vertraute Freundin Gräfin Voss,»hatte bereits den Tod auf der Stirn geschrieben. Und doch, wie empfieng sie ihn, mit welcher Freude umarmte und küsste sie ihn, und er weinte bitterlich. Der Kronprinz und Prinz Wilhelm waren mit ihm gekommen. So viel die arme Königin es nur vermochte, versuchte sie noch immer zu sprechen; sie wollte so gern immer noch zum König reden, ach, und sie konnte es nicht mehr! So gieng es fort und sie wurde immer schwächer. Der König sass auf dem Rande des Bettes und ich kniete davor; er suchte die erkalteten Hände der Königin zu erwärmen; dann hielt er die eine und legte die andere in meine Hände, damit ich sie warm reiben sollte. Es war etwa 9 Uhr. Die Königin hatte ihren Kopf sanft auf die Seite geneigt und die Augen fest gen Himmel gerichtet. Ihre grossen Augen weit geöffnet und aufwärts blickend, sagte sie:»Ich sterbe; o Jesu, mach es leicht!« Ach, das war ein Augenblick, wie Niemand ihn je vergisst. Schluchzend war der König zurückgesunken, und kaum fand er Fassung, der Verklärten die Augen zuzudrücken, die ihm auf seiner dunkeln Bahn so treu geleuchtet.

Und diese Augen leuchteten ihm und den Söhnen und Töchtern durch das vielbewegte

Leben in unvergänglichem Glanze; sie entzündeten auch die Begeisterung des genialen Bild- hauers Rauch, der schon als junger Mensch in ihrem Dienste an ihrer hehren Gestalt mit dem Auge des Künstlers gehangen hatte, dass er den innigsten Wunsch des Königs erfüllen und jenes unvergleichliche Grabdenkmal in Charlottenburg schaffen konnte, von dem der junge Körner singt:

Du schläfst so sanft; die stillen Züge hauchen

Noch Deines Lebens schöne Träume wieder;

Der Schlummer nur senkt seine Flügel nieder,

Und heilger Frieden schliesst die klaren Augen.

So schlummre fort, bis Deines Volkes Brüder, Wenn von den Bergen Flammenzeichen rauchen, Mit Gott versöhnt die rostgen Schwerter brauchen, Das Leben opfernd für die höchsten Güter.

Tief führt der Herr durch Nacht uns zum Verderben, So sollen wir im Kampf uns Heil erwerben, Dass unsre Enkel freie Männer sterben.

Kommt dann der Tag des Zornes und der Rache, Dann, ruft Dein Volk, dann, deutsche Frau. erwache, Ein guter Engel für die gute Sache!

Und was der Dichter sang, das lebte in den Herzen des Volkes. Aus der tiefen Trauer um den Verlust der angebeteten Königin erwuchs Zorn- und Rachegefühl gegen den Peiniger; ihr Name wurde das Losungswort im heiligen Kampfe und der alte Blücher rief, als er am 30. März 1814 siegreich auf Montmartre stand:»Luise ist gerächt.« So führte der Genius der Verklärten das deutsche Volk zu Sieg und Preiheit. Aber auch jetzt lebt und wirkt sie noch fort, denn das bescheidne Wort und die Weissagung der edlen Königin ist in Erfüllung gegan- gen:»Wenngleich die Nachwelt meinen Namen nicht unter den berühmten Frauen nenneu wird, so wird sie doch, wenn sie die Leiden der Zeit erfährt, wissen, was ich durch sie gelitten und sie wird sagen: sie duldete viel, harrte aus im Dulden. Dann wünsche ich nur, dass sie zugleich sagen möge: aber sie gab Kindern das Dasein, welche bessrer Zeiten würdig waren, sie herbeizuführen gestrebt und endlich errungen haben.« Ja, ihr Geist hat gelebt und gewirkt in dem ältesten Sohne, er hat bessre Zeiten herbeizuführen gestrebt, und ihr zweiter Sohn,