9
Zeugnis ihres gottvertrauenden Muthes, ihrer bewundernswürdigen Seelenstärke und Geisteskraft sind die Briefe, die sie in dieser Zeit von Königsberg und Memel an ihren Vater schrieb.
Noch über zwei Jahre nach dem Tilsiter Frieden, der die westliche Hälfte Preussens losriss, musste die königliche Familie fern von Berlin im Osten ihres Reiches verweilen; es waren bittre Jahre, aber sie fanden die Königin in rastloser Thätigkeit. Wohlthaten spenden trotz der eignen Noth, die Sorge für die Jugenderziehung und religiös-sittliche Hebung des Volkes durch die neue von Pestalozzi ausgehende Erziehungsmethode; Weckung vaterländischer Gesin- uung und rastloses Fortstreben des eignen Geistes: das waren die Zaubermittel, die ihren Muth und ihre Lebensfreudigkeit aufrecht hielten. Davon gibt Zeugnis der schönste und umfassendste ihrer Briefe, den sie im Sommer des Jahres 1809 au ihren Vater schrieb. Er zeigt uns das treueste Bild ihres Innern. Aber die Körperkraft der edlen Dulderin war gebrochen. Schon im Sommer 1809 begann sie zu kränkeln. Heftiger sehnte sie sich nach Berlin zurück und nach den stillen Plätzen ihres Glückes. Zu Ende des Jahres konnte ihr Heimweh gestillt werden. Rührend waren die Beweise der Verehrung auf der Reise; ergreifend ihr Einzug in Berlin. Aber das Ziel ihrer irdischen Laufbahn war nahe. Noch einmal durfte sie ihren Geburtstag im Kreise ihrer Lieben feiern; Heiurich v. Kleist verherrlichte ihn noch qurch ein Festgedicht, dessen Anfang lautet:
Du, die das Unglück mit der Grazien Schritten Auf jungen Schultern herrlich jüngsthin trug, Wie wunderbar ist meine Brust verwirrt
In diesem Augenblick, da ich auf Knien,
Um Dich zu segnen, vor Dir niedersinke.
Ich soll Dir ungetrübte Tag' erflehn,
Dir, die, der hohen Himmelssonne gleich,
In voller Pracht und Herrlichkeit erst strahlt, Wenn sie durch finstre Wetterwolken bricht. O Du, die aus dem Kampf empörter Zeit, Die einzge Siegerin hervorgegangen,
Was für ein Wort, Dein würdig, sag ich Dir?
Aber sie selbst konnte ihr Gemüth nicht zu der allgemeinen Festfreude stimmen. Schwere Wolken zogen wieder von der Seine herauf; weitere Länderverluste drohten und die Rathgeber des Königs verzagten: ein Brief der Königin an Napoleon wurde mit Vorwürfen und Drohungen beantwortet. Doch ruhte sie nicht in der Sorge für das Vaterland und wirkte noch mit zur Berufung des patriotischen Hardenberg an die Spitze der Verwaltung, durch dessen Klugheit und Festigkeit weitere Verluste verhütet wurden. Kurz nach ihrem 34. Geburtstage erkrankte sie bedenklich, erholte sich aber in Potsdam so weit, dass der längstgehegte Wunsch, ihren Vater in Strelitz zu besuchen, erfüllt werden konnte. Am 24. Juni reiste sie von Charlottenburg ab; Vater, Geschwister, ja die ehrwürdige Grossmutter empfiengen sie aufs herzlichste und um das Mass der Freude voll zu machen, erschien auch der König am 28. Juni.
„Ich bin heute sehr glücklich, lieber Vater, als Ihre Tochter und die Frau des besten der Männer,« schrieb sie am Abend dieses Tages auf ein Blatt. Wenige Tage nachher erkrankte sie in dem Lustschloss Hohen-Zieritz aufs neue; der dortige Arzt erkannte die Gefahr nicht und der König kehrte nach Berlin zurück. Der Zustand verschlimmerte sich bald. Der König, selbst erkrankt, konnte sein Versprechen sie abzuholen nicht halten.»Ein Brief von ihm versetzte sie in solche Rührung, dass sie sich von dem Blatte nicht trennen mochte. Am 16. Juli wurde die Gefahr augenscheinlich; die von Berlin gerufenen Leibärzte Hufeland und Heim erkannten
sie sofort; der König selbst kam mit den beiden ältesten Söhnen in der Frühe des 19. an das Elisabethenschule 1877. 2


