Aufsatz 
Festrede bei der Feier des 100jährigen Geburtstages der hochseligen Königin Luise
Entstehung
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des Fräulein von Wolzogen, einer hochgebildeten Dame, die schon der Mutter bei Erziehung der Kinder helfend zur Seite gestanden hatte. Das stille Herrenhausen, wohin sich der trauernde Gemahl zurückgezogen hatte, mit der ernsten Pracht seiner Parkanlagen, war ganz besonders geeignet, das durch den eignen Schmerz über den Verlust der geliebten Mutter und durch die tiefe Trauer des Vaters und der älteren Geschwister ernst gestimmte Gemüth des Kindes em- pfänglicher zu machen für die sanften Tröstungen und Erheiterungen einer schönen Natur. Die Liebe zur Einsamkeit, das Bedürfnis in der Stille ländlichen Familienlebens sich selbst wieder- zufinden aus den aufreibenden Zerstreuungen des Hoflebens, ist ihr immer geblieben. Tage des reinsten Glückes und des reichsten Segens waren es, die sie später als Kronprinzessin und dann auch, so oft es die Ereignisse erlaubten, als Königin auf ihrem einfachen Landsitze Paretz an der Havel verlebte. Liebevoll sorgend für ihre Kinder, die sie umgaben, zugänglich auch dem geringsten der Umwohner, für deren Freuden und Leiden sie ein Herz voll Theilnahme hatte, genoss sie diese Tage voll süssen Friedens, lustwandelnd unter ihren Lieblingsblumen, in den schattengebenden Laubgängen, welche den Ausblick nach dem klaren Wasserspiegel der Havel- seen gewährten; oft ruhend an einem Lieblingsplätzchen und sich vertiefend in die Ideenwelt ihrer Lieblingsschriftsteller, Schiller's, Goethe's, Herder's, Jean Paul's oder in lebhafter, eindringen- der ernster Unterhaltung mit Vertrauten, unter denen ihr Seelsorger und Hausgeistlicher, der Bischof Eylert, von ihr besonders hochgehalten wurde; und kam dann die Stunde, die ihr den einzig geliebten Gemahl aus den Geschäften der Regierung zuführte, wie selig war sie da im Wetteifer der gebenden und empfangenden Liebe! wie schwand da Sorge und Noth des verehrten Kämpfers auf dem Thron vor dem leuchtenden Auge des angebeteten Weibes! Das war freilich nicht nur die Wirkung des Naturgenusses; das war zuerst und zuletzt der Segen einer wahrhaften Frömmigkeit, der diese beiden edeln Menschen unauflöslich verband.

Dieser fromme Sinn, der schon den Eltern innewohnte, wurde durch einen zweiten Schicksalsschlag, der das Kind traf, ungewöhnlich früh entwickelt. Der Vater verlor nach kur- zem Glück auch seine zweite Gemahlin, die Schwester der ersten, Charlotte. Er zog sich, seine Stellung aufgebend, nach Darmstadt zurück an den Ort, wo er sein Glück gefunden hatte. Die vortreffliche Grossmutter, die Landgräfin Marie Luise Albertine, nahm die abermals Ver- waiseten in ihre treue Obhut und ihre fernere Erziehung leitete Frl. v. Gélieux, eine Schweizerin. War diese Erziehung auch, was den Unterricht betrifft, nach der vornehmen Sitte jener Zeit, wesoentlich französisch und in französischer Sprache, so harmonierte doch das ernst religiöse Ge- müth der Erzieherin mit dem frommen, praktischen Sinne der Grossmutter und sie entwickelte und pflegte in dem Herzen des heranblühenden Mädchens jenen wunderbaren Zug, der in dem Irdischen das Ewige zu erkennen sucht und den freudigen Dank für diese Erkenntnis des gött- lichen Waltens in nie ermüdendem Wohlthun bethätigt. Mit innigster Anhänglichkeit hat es die Königin stets anerkannt, was sie der ernsten und liebevollen Führung dieser edeln Frau verdankte und auch der König hat ihr noch spät in rührendster Weise verehrende Anhänglich- keit bewiesen.

Aus den einfachen Verhältnissen führte die Grossmutter die zwölfjährige Prinzessin in das bewegte Leben. Eine grössere Reise zu fürstlichen Verwandten erschloss ihrem, Lebens- freude strahlenden Auge die Herrlichkeiten des Rheinlandes von dem altehrwürdigen Strass- burg mit seinem Wunder der Baukunst bis in die gewerbefrohen Niederlande. Auch die Wahl- und Krönungsstadt Frankfurt wurde zu wiederholten Malen bei festlichen Gelegenheiten besucht, so bei den beiden letzten Kaiser-Krönungen, die sie auch in dem Haus der Frau Rath Goethe unvergessliche Stunden verleben liessen. Doch bald sollte Frankfurt eine noch höhere Bedeutung