Aufsatz 
Festrede bei der Feier des 100jährigen Geburtstages der hochseligen Königin Luise
Entstehung
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Leben waren, zu unvergänglichem Glanz erhöhte und ihre Schwächen in demüthiger Erkenntnis derselben versöhnte, der sie selbst, die schon ohne ihr Verdienst durch ihre hohe Stellung als Königin über die meisten ihres Geschlechtes hervorragte, durch die wunderbare Harmonie, die er ihrem Charakter verlieh, zu einem Vorbilde schuf, innigster Liebe und Verehrung würdig für ganze Generationen, ja für alle Zeiten!

Es ist dieser Zug innerster Herzensfrömmigkeit, den wir in seiner Wirkung auf unser Verhalten zu den Menschen Pietät nennen, die Kraft der Seele, die uns stark und siegreich macht im Kampf gegen den Feind in uns und draussen in der Welt. Und sie hat diesen Kampf in stillem Ringen ausgekämpft. Daher passt auf sie, wie auf wenige, das Wort Goethe's:

Wenn einen Menschen die Natur erhoben,

Ist es kein Wunder, wenn ihm viel gelingt.

Man muss in ihm die Macht des Schöpfers loben, Der schwachen Thon zu solcher Ehre bringt. Doch wenn ein Mann von allen Lebensproben Die sauerste besteht, sich selbst bezwingt:

Dann kann man ihn mit Freuden andern zeigen Und sagen: das ist er, das ist sein eigen.

Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite, Zu leben und zu wirken hier und dort;

Dagegen engt und hemmt von jeder Seite

Der Strom der Welt und reisst uns mit sich fort. In diesem innern Sturm und äussern Streite Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort: Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,

Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.

Gewiss, hoch erhoben hatte die Natur unsre Königin Luise; Gaben des Leibes, Gaben des Gemüthes und des Geistes hatte sie dem Fürstenkinde in die Wiege gelegt und in glück- licher Verbindung jene Harmonie der Körper- und Seelen-Kräfte vorbereitet, die, an der Sonne des Glückes gereift und herrlich entfaltet und in den Wetterstürmen des Unglücks geläutert, ihr auf den Pfaden ihres Lebens Festigkeit und Besonnenheit, unerschütterliches Gottvertrauen und Ruhe der Seele, das köstlichste Kleinod des Menschen, verliehen.

Zeit und Ort gestattet mir nicht, die erhabene Fürstin jetzt auf diesen Lebenspfaden zu begleiten. Die jüngeren unter Euch Schülerinnen würden die volle Bedeutung dieses Lebens ohne die Kenntnis der geschichtlichen Verhältnisse, auf die es seine gewaltige Wirkung übte, kaum ahnen können; die älteren Schülerinnen sollen, wie dies ja von jeher geschehen ist, bei der ausführlichen Darstellung dieses hochwichtigen, grundlegenden Abschnittes unsrer Geschichte die Königin Luise mitten unter den grossen Gestalten dieser Zeit als den still schaffenden und zur befreienden That begeisternden Genius des deutschen Volkes lieben und verehren lernen.

Nur einzelne Bilder aus ihrem so kurzen und doch so unendlich reichbewegten Leben will ich herausheben, um zu zeigen, wie alle Wechselfälle desselben nur dazu beitragen muss- ten, ihr jenes Kleinod, Ruhe der Seele, zu erringen und zu bewahren. Ihre Kindheit und Jugend verfloss in schlichten Verhältnissen. In Hannover geboren, wo ihr Vater, der später zur Regie- rung gelangende Herzog Karl Ludwig Friedrich von Mecklenburg-Strelitz, als Feldmarschall und Gouverneur in Diensten stand, kam sie, als ihre Mutter, die Prinzessin Friederike Karoline Luise von Hessen-Darmstadt, starb, in ihrem sechsten Jahre mit ihren Schwestern unter die Obhut