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dem sie sich wieder aufrichtete. Er beginnt mit den Worten:»Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein, wie die Träumenden.— Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein«.»Das ist jetzt mein Lieblingspsalm«, sagte die Königin zu dem bei ihr eintretenden Vertrauten, dem biedern Bischof Borowsky, der sie in der Bibel lesend fand,— es war im Sommer des Jahres 1808 auf den Huben, einem kleinen Gute bei Königsberg, das sie zur Stärkung ihrer erschütterten Gesundheit bezogen hatte.—»Je mehr ich ihn studiere, je mehr zieht mich seine erhabene Schönheit an, und nichts ist so sehr im Stande, mich in meiner Stimmung zu trösten, als diese milden, bewundernswerthen Ausdrücke tiefen Ge- fühls; der sich so einfach darin aussprechende tiefe Seelenschmerz ist dennoch ruhig und ergeben. Wie er wirken und welche Früchte er bringen soll, ist in dem herrlichen Gleichnis der Saat und Ernte treffend geschildert. Die alles überwiegende Hoffnung schimmert gleich den ersten Strahlen der Morgenröthe, durch den bittersten Seelenschmerz; man hört schon durch die Unglücksstürme Lob- und Siegeshymnen schallen. Ein Geist der Wehmuth und zugleich der Ergebung und des Vertrauens weht durch das ganze; eine Hymne und eine Elegie, ist es ein Hallelujah mit Thränen. Ich blicke auf diesen Psalm, wie auf eine schöne Blume, in der die klaren Thautropfen des Morgens im vollen Strahle erglänzen. Ich lese ihn wieder und wieder, und jedes Wort hat sich meinem Gedächtnis tief eingeprägt.« Und nun wiederholte sie im Wesentlichen die Worte des Psalms und sprach mit dem Ausdrucke frommster Ergebung und mit fester, klarer, sanfter Stimme:»Wenn der Herr die Gefangenen und schwer Belasteten erlösen wird, so wird uns sein wie Träumenden; unser Mund wird voll Lobes sein und unsre Zunge voll Rühmens, und die Welt wird sagen, der Herr hat grosses an ihnen gethan! Ja, grosses hat der Herr an uns gethan, des sind wir fröh- lich. Herr, sieh auf unsern Jammer und ende unsre Sorgen. Du, der Du dem tobenden Meere Grenzen setzest, gieb, dass die, so mit Thränen säen, mit Freuden ernten. Lass sie mit Freu- den kommen, die Frucht zu bringen, die sie mit Kummer gesäet.«— Borowsky, der uns diesen Vorfall aufbewahrt hat, schliesst seine Erzählung mit den Worten:»Wie ein schönes Lied, gut gesungen, einen tieferen Eindruck hinterlässt, als wenn es nur gelesen, so war es mir auch, als ich der Königin Worten lauschte. Es schien mir, als seien den alten Worten neue, bezeichnen- dere Gefühle gegeben, so lieblich war der Eindruck ihrer melodischen Stimme, die mir wie Sphärenmusik klang. Als ich der hochbegabten Frau zuhörte, wie die Worte des ewigen Lebens den beredten Lippen entströmten, gedachte ich des Spruches:»In Deinem Licht sehen wir das Licht, und selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.« Alles erschien mir licht und klar um sie, und sie selbst erschien in lichtvoller Klarheit und schöner und fesselnder, als in den Tagen ihrer ersten Jugendschöne.«
Was damals bei dieser ernsten Begegnung der tiefblickende Seelsorger, der treu ergebne Helfer und Berather in der Noth, freudig bewundernd in Blick und Wort der erhabnen Frau erkannte, ist es nicht der Grundaccord ihres ganzen Lebens, wie dieses in so mancher treu liebevollen Schilderung vor uns liegt? jenes göttliche Licht, das ihr ganzes Wesen durchleuchtete, das ihre Freude vergeistigte und ihrem Leid die verdunkelnde Macht nahm, das sie im Glück besonnen und dankbar in der Fülle vermehrten Wohlthuns machte und sie im Unglück stand- haft bleiben liess und im Glauben an eine ewige Vorsehung ihr den Geistesblick stärkte, so dass sie prophetisch den Sieg der Gerechtigkeit und Wahrheit vorausschauend»stille sein konnte dem Herrn«. Wie könnten wir daher heute, an dem Tage, der sie vor hundert Jahren uns ge- schenkt hat, bei der ihrem Andenken gewidmeten Feier ihr Bild anders zu zeichnen beginnen, als mit dem Seelenzuge, der ihr ganzes Wesen durchdrang bis zum letzten Hauche, der jede ihrer Lebeusäusserungen in allen Lagen weihte, der die grossen Vorzüge, die ihre Mitgift ins


