Festrede“*) bei der Feier des 100 jährigen Geburtstages der hochseligen Königin Luise,
gehalten von
Dr. H. Weismann.
Verehrte Festversammlung und Ihr insbesondere, liebe Schülerinnen, denen diese Feier bereitet ist!
Als die Königin Luise im Jahre 1798 kurz nach der Thronbesteigung mit ihrem ge- liebten Gemahle die erste Königsreise machte und in den östlichen Provinzen die Huldigung empfieng, da reihten sich glänzende, wie sinnige und rührende Festlichkeiten in manichfachem Wechsel aneinander, ergreifend weniger durch das äusserliche Gepränge, als durch die aufrichtige herzliche Verehrung, die aus all den Ehrenbezeugungen herausleuchtete. Ganz besondren Ein- druck machte auf das tiefe Gemüth der in bezaubernder Schönheit prangenden jugendlichen Frau ein schlichtes Fest, das die schlesischen Bergleute bei Waldenburg veranstalteten. Nur auf Böten konnte man in den Stollen gelangen. Still glitt das Boot, das die Königin und ihren Gemahl trug, über das dunkle Wasser, in welchem nur hier und da der zitternde Glanz auf- gesteckter Fackeln geheimnisvoll auftauchte und wieder verschwand; lautlos und nicht ohne Be- klommenheit sass die Königin: da klangen aus dem Innern des schauerlichen Schachtes wie lichte Himmelssterne über die dunkeln Wasser an Ohr und Herz der erstaunt lauschenden die Töne des herrlichen Chorals:»Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren! Meine geliebete Seele, das ist mein Begehren. Kommet zu Hauf', Psalter und Harfe, wacht auf! Lasset den Lobgesang hören!«»Mein Lieblingspsalm!« sagte innig gerührt die Königin und legte leise ihre Hand in die Hand des Königs. Und zu dem Steuermann sich wendend bat sie ihn langsamer zu fahren.
Zehn Jahre waren seit diesem Vorfall vergangen, Jahre des reichsten Segens, den das königliche Haus empfieng und dem Volke spendete; aber auch Jahre des tiefsten Weh's und der herbsten Prüfungen. Da verstummte wohl in den dunkelsten Stunden der freudige Lobgesang in dem Herzen der grossen Dulderin; aber nur auf Augenblicke vermochte die schwere Schickung das Himmelslicht zu trüben in ihrer frommen Seele. Es war nun der herrliche 126. Psalm, an
¹) Zufolge besondrer Anordnung des Herrn Ministers begieng am 10. März 1876 unsre damals noch mit der Knaben-Musterschule vereinigte höhere Töchterschule diese Feier Vormittags 10 Uhr. In dem Festsaale war Rauch's herrliche Büste der Königin aufgestellt. Gesang der älteren Schülerinnen eröffnete die Feier.


