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das in den Spracherzeugniſſen niedergelegt iſt, und in gemeinſamer Arbeit mit der Jugend von uns herausgehoben und wieder erzeugt werden ſoll, ſo ſucht das Gymnaſium ſeinen eigenthümlichen Unterſchied vor anderen Lehranſtalten auch darin, daß es an der griechiſchen Sprache als an einem der edelſten, höchſten und idealſten Bildungsmittel feſthält. Was der geiſtvollſte unter den römiſchen Sängern ſeinem Volke zurief: vos exemplaria Graeca nocturna versate manu, versate diurna, im lebendigen Gefühl, daß ihrer Bildung die eigentliche ideale Weihe gegeben werde durch die Gehaltstiefe und Formvollendung der helleniſchen Literatur, das halten wie unſerer eintretenden Jugend auch hier entgegen. Auch unſere Nation iſt durch die klaſſiſche Bildung hin⸗ durchgegangen, und wie ihr productives Vermögen immer energiſcher und fruchtbarer geworden iſt durch die jedesmal neue und immer verſtändnißvollere Berührung mit dem klaſſiſchen Alterthum, ſo wiſſen wir, wird auch unſere Jugend vornehmlich aus dieſem Born als einem Jungbrunnen idealen Lebens ſich eine Fülle idealſter Anſchauungen holen können, in welchen wir auch eine Weihe des Lebens erblicken.
Die Sprachen ſollen nach Luther Grundlage aller höheren Bildung ſein; aber an ſie ſollen ſich anſchließen, will auch er ſchon, die Hiſtorien, die Mathematika und die Muſika; die Ge⸗ ſchichte, damit ſchon früh der Blick geübt und geſchärft werde für die Betrachtung des Völkerlebens und an den Geſchicken der Vergangenheit das Verſtändniß geübt werde für die Aufgaben der Gegen⸗ wart;— die Mathematika, damit der Geiſt frühzeitig in die Zucht des logiſchen Denkens genom⸗ men und dadurch herangeſchult werde auch zu ſtreng philoſophiſcher Gedankenarbeit. Das Wort des Pythagoras: andels ³, εᷣoμειε το"o, ſollte auch die Schwelle unſerer Anſtalt zieren, daß Niemandem geſtattet iſt einzutreten, der nicht auch Willens iſt, Mathematik zu treiben. Es ziemt dem Volk der Denker, als welches zu gelten für uns eine Ehre und ein Stolz iſt, dasjenige Erziehungsmittel nicht fahren zu laſſen, deſſen Weihe die größten Philoſophen des Alterthums Plato und Ariſtoteles erkannten, wenn ſie jenes pythagoreiſche Wort in dem Sinne ſich aneigneten, daß Niemand zu höherer, d. h. wahrer philoſophiſchen Bildung gelangen könne, der nicht auch Mathe⸗ matik verſtände;— und damit endlich auch die Kunſtübung nicht fehle, der practiſche Dienſt am Schönen, ſoll die Muſika den Sinn für das Schöne wecken und pflegen, ihre Uebung aber dann auch unſer Gemeinſchaftsleben in dieſen feſtlichen Räumen ſchmücken und weihen.
Aber das A u. O aller ſeiner Beſtrebungen auch auf dem Gebiet der Pädagogik iſt für Luther doch immer wieder nur das Evangelium. Die Sprachen ſind ihm nur der Schrein, da⸗ rinnen man dieſes Kleinod träget und die höchſte Weihe will auch er nur geſchöpft wiſſen aus dem Evangelium.„Etliche Schulmeiſter, ſagt er ein andermal, lehren gar nicht aus der heiligen Schrift; etliche lehren die Kinder gar nichts als die heilige Schrift, welche beide nicht zu leiden ſind. Solche Schulen, die gar nichts aus der h. Schrift lehren, ſind nicht zu leiden. Wo die Schrift untergehet, was will da bleiben in deutſchen Landen, denn ein wüſter, wilder Haufen Tartaren oder Türken, ja vielleicht ein Sauſtall und eine Rotte eitel wilder Thiere. Wo die heilige Schrift nicht regieret, da rathe ich fürwahr Niemand, daß er ſein Kind hinthuet; es muß verderben alles, was nicht Gottes Wort treibet ohne Unterlaß“;— und ſo wollen auch wir nicht anders als die höchſte Weihe unſerer Arbeit und dieſes Hauſes ſuchen im Evangelium. Jenes Wort des Cicero, von welchem wir ausgingen: Non domino dominus, sed domino domus honestanda est über- tragen wir in das andere: Ich und mein Haus wir wollen dem Herrn dienen. Darum haben wir gutem, deutſchen Brauche folgend auch in dieſes Haus zuerſt hineingetragen die Bibel; darum


