Aufsatz 
Bericht über die Einweihung des neuen Gymnasial-Gebäudes / vom ... Otto Frick
Entstehung
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und ſteht nun da als ein heiteres Bild des Schönen, als eine Freude unſrer lieben Stadt, als eine Zierde der ganzen Grafſchaft.

Aber wir fügten noch andere Wünſche hinzu, welche der Zukunft des Innenlebens galten, das ſich nunmehr in dieſen Räumen entfalten ſoll. Ein monumentaler Bau dient einer idealen Beſtimmung, und je ſtattlicher ſeine äußere Erſcheinung, deſto nachdrucksvoller will ſie hinweiſen auf das bedeutſame Innenleben, deſſen Weſen das Aeußere hat ausdrücken wollen. Non domo do minus, sed domino domus honestanda est; nicht will das Haus die Bewohner ehren, ſondern der Bewohner ſoll dem Hauſe ſeine Ehre geben durch würdige Ausgeſtaltung ſeines Innenlebens. Hat der ſchaffende Künſtler die Weihe der Schönheit über den Bau ausgegoſſen, ſo ſoll die Weihe des Innenlebens dem entſprechen, und es iſt das die Bedeutung einer Einweihungs⸗ feier, daß ſie uns drängt, uns von ſolcher Weihe des Hauſes Rechenſchaft zu geben zugleich im Sinne eigner, weihevoller Gelübde.

Die Weihe des Hauſes iſt aber gleichbedeutend mit der Weihe unſerer Arbeit, und dieſe Arbeit wiederum nimmt ihre Weihe zunächſt ſchon aus den Gegenſtänden, welchen unſere Thätig⸗ keit gilt. Es iſt gewiß ein großer Vorzug der Gymnaſien im Vergleich zu anderen experimentirenden Schulſchöpfungen der Neuzeit, daß ſie diejenige Geſchloſſenheit des Organismus ihrer Disciplinen, welche der eigentliche Organiſator der deutſchen Volksſchule, wie der gelehrten Schule, Dr. Mar⸗ tinus Luther, ihnen in den Tagen der Reformation gegeben hat, in allem Weſentlichen ſich be⸗ wahrt haben. Und ſie werden ſich dieſe Geſchloſſenheit für alle Zeiten bewahren müſſen, ſo lange man ſich bewußt iſt, daß die deutſche Jugend, ſoll ſie in Wahrheit befähigt werden, ſich einſt auf die Höhe der deutſchen Bildung zu ſtellen, im Kleinen denſelben Gang der geiſtigen Erziehung be⸗ ſchreiben muß, den unſere Nation ſelbſt einſt im Ganzen und Großen durchmeſſen hat, den Gang der Aufnahme und Verarbeitung der drei Elemente des Nationalen, des Antiken und des Chriſt⸗ lichen. Nur daß der Jugend aufgegeben werden muß, was die Nation in langſamer Entwicklung an ſich erlebt hat, davon den concentrirten Gehalt ſich zu erarbeiten.

Darum ſind dem großen Pädagogen Luther die Sprachen und das Evangelium die Kern⸗ punkte aller höhern Schulbildung. So lieb nun als uns das Evangelinm iſt, ſagt er in der berühmten Vermahnungsſchrift an die Rathsherrn aller Städte Deutſchlands, dem eigent⸗ lichen Stiftungsbrief der deutſchen Gymnaſien, ſo hart laſſet uns über den Sprachen halten. Denn die Sprachen ſind ihm die Scheide, darinnen das Meſſer des Geiſtes ſteckt. Und in der That: Sprachvermögen ſtärken heißt, Geiſtesvermögen wecken; Sprachen üben, heißt in die Tiefen geiſtigen Lebens ſelbſt hinabführen; Gymnaſien d. h. Uebungsſtätten geiſtiger Kraft nennen wir unſere Schulen vornehmlich der geiſtigen Gymnaſtik wegen, welche durch kein anderes Mittel ſo vielſeitig, ſo innerlich und deshalb ſo bildend betrieben werden kann, als durch das Material der Sprache.

Aber ſchon Luther, wenn er von den Sprachen ſpricht, hat die alten Sprachen im Sinne⸗ Der deutſcheſte Mann unter allen Deutſchen, der Neuſchöpfer unſerer deutſchen Schriftſprache, dem wie nicht leicht einem zweiten ſich die ganze Kraftfülle und Lieblichkeit unſerer Mutterſprache erſchloſſen hatte, wußte, wie nichts der Pflege unſerer Mutterſprache ſo heilſam ſei, als die Gymnaſtik des Lateiniſchen und Griechiſchen. 3

Da wir aber die Weihe nicht allein ſuchen in der Kraftübung, in der Luſt des geſteigerten Lebensgefühls, welche mit aller rechten Arbeit verbunden iſt, ſondern in dem idealen Leben ſelbſt,