Aufsatz 
Schulrede am 2. September 1912
Entstehung
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Daselbst steht aus der Feder des ersten Direktors der Adlerflychtschule, des ver- ewigten Dr. Scholderer, in dem Bericht über den Verlauf des Schuljahres 1889 auf 1890 wörtlich zu lesen:Als ein wie für unsere Stadt so auch für unsere Schule denkwürdiger und bedeutsamer, unvergeßlicher Tag ist der 9. Dezember zu bezeichnen, an welchem Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. zum erstenmal Frankfurt a. M. mit Seinem Allerhöchsten Besuche zu beehren und erfreuen geruhte. Unseren Schülern war es mit ihren Lehrern vergönnt, in den reichgeschmückten Straßen, durch welche Seine Majestät der Kaiser bei seinem Ein- zuge sich nach dem altehrwürdigen Römer begaben, mit denen der anderen Schulen Spalier zu bilden, ihren geliebten Fürsten aus nächster Nähe zu sehen und ihren begeisterten Jubelruf mit dem der dichtgedrängten Menge zu vermischen.

Durch diese Worte trat mir mit einem Male der ganze Zusammenhang der Dinge damals wieder immer lebendiger vor die Seele. Als wäre es heute, so deutlich erlebte ich jenen großen Tag noch einmal durch, und er wird mir persönlich um so unvergeßlicher pleiben für alle Zeiten, als für mich auch noch eine ganz persönliche Erinnerung damit verbunden war, deren Erwähnung aber hier im Zusammenhang dessen, was ich sagen will, ihren guten Sinn hat: Mein 70 jähriger Vater hatte eine mehrstündige Eisenbahnfahrt in der Frühe des Tages nicht gescheut, um nach Frankfurt zu kommen und in Begleitung seines Sohnes den ersten Einzug des jungen Kaisers in die alte Kaiserstadt mitzuerleben; wenige Monate darauf war er tot.

Jener Kaisertag aber war ein unvergleichlich schöner Wintertag: Von wolkenlosem, blauem Himmel schien die Sonne herab; aber es war eisig kalt, und es hieß sich vorsehen mit seiner Kleidung, wenn man sich an dem Tag, da man doch lange stille zu stehen hatte, nichts holen wollte. Daß alles, was gehen konnte, trotz dieser bedenklichen Kälte mitkam, war damals für niemand eine Frage, vielmehr für jedermann ganz selbstverständlich. Mit dem Direktor an der Spitze und dem gesamten Lehrerkollegium zog die Schule aus und nahm an der Kaiserstraße nicht weit von dem Hauptbahnhof Aufstellung.

Stundenlang galt es an jenem Tage ausharren, und man hatte reichlich Zeit, alle seine Nachbarn sich in Ruhe anzusehen, die anderen Schulen, die ringsumher standen. Da war es bei der einen wie bei der andern: Alle waren mit allen Lehrern und Schülern herangezogen und natürlicherweise dann auch mit ihren Fahnen. Nur die Adlerflychtschule stand da ohne eigene Schulfahne; das mußte auffallen, mußte vor allem ihr selbst auffallen. Es hatte aber seinen guten Grund: Wir hatten damals noch keine eigene Schulfahne.

Der Tag verfehlte auch in dieser Richtung seine nachhaltige Wirkung nicht: Jetzt wollte man unter allen Umständen seine Fahne haben, wie man es bei den anderen Schulen gesehen hatte; und schon nach 1 ½ Monaten, ich wiederhole: nach einem und einem halben Monat am 27. Januar 1890 konnte ich die Fahne der Adlerflycht- schule, da ich gerade die Kaiserrede zu halten hatte, einweihen.

Ich begann dabei mit folgenden Sätzen:Heute nennt nun auch ihr, meine lieben jungen Freunde, eine Fahne euer eigen. Aus freien Stücken habt ihr sie euch geschaffen, aus eigenem Antrieb heraus habt ihr die für ihre Beschaffung erforderlichen Mittel zu- sammenzubringen unternommen und verstanden, und schon der Eifer, mit dem ihr dies betrieben habt, darf eine Begeisterung genannt werden und zeugt als gutes Zeichen nehm ich es für eure Begeisterungsfähigkeit. Nun steht euer Werk fertig vor euren