Schulrede am 2. September 1912.)
Es war gutes Wetter bestellt. Wir hatten die Hoffnung, wie immer an dem klaren Herbsttag des 2. September als an einer Art von Schulfest, zu dem sich dieser Tag bei uns herausgebildet hat, auch diesmal eine größere Anzahl von euren Eltern, liebe Schüler, bei uns auf dem Schulhof willkommen heißen zu können. Nicht zum erstenmal ist leider in der Frühe des Tages alles anders geworden: Denn es gießt unendlicher Regen herab, und das in Strömen fallende Wasser draußen hat uns nun in dem Festsaal der Schule zu- sammengeführt, in dem wir aus Gründen des Raumes unter uns bleiben müssen.
Da gilt es, aus der Not eine Tugend machen, und allerdings gern benutze ich die Gelegenheit, die sich bietet, um einmal mit allem Nachdruck des Wortes und mit größerer Ruhe und mehr Ausführlichkeit der Rede, als das übliche Schauturnen mir auf dem Hof vergönnt hätte, eure Blicke, die des jüngsten wie des ältesten, des kleinsten wie des größten unter euch, auf eine Stelle zu richten, die ihr gewiß alle denon mehr als einmal im Auge gehabt habt, aber ebenso gewiß, ohne euch viel dabei zu denken. Ich spreche von der Stelle, an der ihr hier auch heute die Fahne vor euch seht, so wie sie bei allen fest- lichen Gelegenheiten als eine Art Helferin oder Zeugin für das, was gesagt wird, und was sich sonst zuträgt, mir immer zur Seite steht.
Seht euch mal alle, die ihr hier versammelt seid, vom Sextaner bis zum Unter- sekundaner hinauf, diese Fahne an. Seht sie euch aber genau an— so genau, wie man einen Menschen ansieht oder auch eine Sache, von dem oder von der man etwas wissen oder etwas hören möchte. Wer lesen kann, der wird auf der Fahne das Wort„Adlerflycht- schule“ finden. Es ist die Fahne èurer Schule, eure Fahne,— gestiftet, als die Zeiten noch anders waren, von den Schülern der Schule selbst, die gern eine Fahne haben wollten, die ihnen vorangetragen würde, zu der sie zu stehen hätten.
Dieser Fahne habe ich vor Jahren— als junger Lehrer—, nachdem sie fertig der Schule geliefert worden war und zum erstenmal aufgestellt werden konnte, an einem Kaisers- geburtstage— innerhalb des Rahmens der Kaiserrede— die Weiheworte gesprochen. Des- halb ist jetzt die Fahne bei mir laut geworden und hat arge Klage geführt, daß man sie neuerdings bei den besten Gelegenheiten vergesse und ruhig in der Ecke stehen lasse, wo andere ihresgleichen so schön ihre Schuldigkeit tun könnten, wenn sie als ein äußeres Zeichen des Zusammengehens mit ihren hellen Farben der Schule voranleuchteten.
Da habe ich der Fahne erwidert:„Was willst du von mir? Ich bin ja jetzt kein Oberlehrer mehr wie damals vor Jahren, ich bin ja jetzt Direktor,— nichts mehr und nichts weniger als Direktor,— wer wüßte nicht, was das heißt!“
Nun hättet ihr aber die Fahne sehen sollen: Aufgereckt hat sie sich, nachdem sie mich einen kurzen Augenblick halb verständnislos angeschaut hatte; Beine hat sie auf einmal bekommen, ist schnurstracks auf den Aktenschrank losgeschritten und hat das Schul- programm vom Jahre 1890 herausgeholt und mir Seite 15 vorgehalten.
*) Über die Entstehung dieser Schulrede mag Seite 21 dieses Jahresberichts nachgelesen werden. Die vielfach vom Augenblick geborene Sprechweise wurde, soweit die Erinnerung reichte, für die Druck- legung gern festgehalten und durch die hier und da vielleicht auffallenden Gedankenstriche angedeutet.


