Schon Sonntag den 16. waren zahlreiche Festgenossen von auswärts einge- troffen, die sich mit vielen hiesigen Festteilnehmern im Museum vereinigten. Professor Neuburger bot namens der jetzigen Lehrer und ehemaligen Schüler den Willkomins- gruß. Am Montag den 17. war Festgottesdienst aller Konfessionen in vier Gottes- häusern. Gewaltig wie vielleicht nie zuvor klang das Te deum laudamus in der katholischen Kirche, wo der Prälat Dr. Martin von Heiligenberg die Festpredigt hielt. In den andern Kirchen predigten Religionslehrer des Gymnasiums. Schon vorher hatte der Einpfangsausschuß im Sing- und Zeichensaal des alten Gymnasiums- gebäudes, dessen Eingang vom ältesten Lehrer der Anstalt, unserm Zeichenlehrer Gagg, kunstsinnig geschmückt war, alle Hände voll zu tun; hier wurden die Teil- nehmerkarten und Programıne, Festabzeichen, Festschriften und Jubiläumsdenkmünzen, natürlich auch mancherlei Jubiläumsansichtskarten ausgegeben und dafür die Geld- beiträge in Empfang genommen, die unser Schatzmeister, Verrechner und Stiftungs- verwalter Lohr, auch ein ehemaliger Schüler unserer Anstalt, in seine Obhut nahm. Herzliche Begrüßungs- und Erkennungsszenen zwischen alten Schulfreunden spielten sich dabei ab; alle höheren Berufsstände, alle Altersstufen waren bunt gemischt. Die Fortsetzung folgte bei Frühschoppen und Mittagessen in Familien und verschie- llenen Gasthäusern, teilweise in den alten Stammkneipen aus der Pennälerzeit.
Die eigentliche Schulfeier begann um 3 Uhr im Inselsaal mit der Aufführung der Antigone von Sophokles durch Schüler der oberen Klassen. Es war die Über- setzung unseres Altmeisters Wendt, für die Chöre die von Donner mit der Musik von Mendelssohn gewählt. Das Orchester stellte die hiesige Regimentsmusik. Die musikalische Leitung hatte unser Gesangslehrer Musikdirektor von Werra. Die Dar- stellung des herrlichen‘Meisterwerkes durch die von der großen Aufgabe mächtig ergriffenen Jünglinge gab nach allgemeinem Urteil der Feststimmung einen weihe- vollen Grundakkord.— Da der große Inselsaal kaum die auswärtigen Festgenossen und die Ehrengäste fassen konnte, wurde die Aufführung für unsere Schüler, die schon der Hauptprobe angewohnt hatten, ihre Eltern und das übrige Publikum, unter dem sich auch die Zöglinge der benachbarten Lehrerbildungsanstalten von Meersburg und Kreuzlingen befanden, zweimal bei„ausverkauften Hause“ am 26. und 29. Oktober wiederholt.
Nach diesem Kunstgenusse sammelten sich die jetzigen Schüler aller Klassen mit zahlreichen ehemaligen Lehrern und Schülern und mit dem gesamten Fest- ausschuß an der Spitze zu einem prächtigen Fackel- und Lampionzug. Derselbe bewegte sich unter den Klängen der Regimentsmusik, die damals noch von dem bald darauf verstorbenen unvergeßlichen Musikdirektor Handloser geleitet wurde, und der Stadtkapelle durch alle Hauptstraßen der Stadt, die aufs Liebevollste ausge- schmückt waren und beim Nahen und Durchzug des Gymnasiums in bengalischem Feuer, wechselvollem Sprühregen aller möglichen Erfindungen der Pyrotechnik, freu- digen Gesichtern an allen Fenstern, auf allen Balkonen, wehenden Tüchern und Blumenspenden erstrahlten. Die ganze Bevölkerung bildete jubelnd Spalier. Auf der Rheinbrücke hielten die Fackelträger, während die Lampionträger, die Schüler der untersten Klassen, zwischen der Brücke und dem prächtig beleuchteten Offiziers- kasino das rechte Rheinufer säumten. Nun erscholl, von den mächtigen Klängen


