Aufsatz 
Zur Einführung unserer Schüler in die Kasseler Bildergalerie : 5. Teil.
(Das niederländische höhere Sittenbild.)
Entstehung
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vor in ſeinen Genre⸗ oder Sittenbildern, die ſeinen Namen beſonders berühmt, ja volkstümlich gemacht haben.Wo das Atlaskleid, der Degen und Feder⸗ hut eine Rolle ſpielen, da iſt ſeine Welt. Weiter nach unten verſteigt er ſich nur ausnahmsweiſe.

Im Ausdruck iſt er ein unerreichtes Muſter von klaſſiſcher Einfachheit, Naturwahrheit und Objektivität, womit er der Nachwelt die Bürgſchaft für die Wahrheit ſeiner Bilder liefert. Neben der anſpruchsloſen Schlichtheit im Gegenſtand und der äußeren Anordnung hält er ſich fern von beſonderen Lichtwirkungen und Buntheit in dem feinen, blaß⸗ grauen Ton, ohne doch in Mattfarbigkeit zu ver⸗ fallen. Denn das Beſte iſt ſein unvergleichlich feiner maleriſcher Geſchmack, und Bode ſetzt beſonders die Gemälde ſeiner letzten Zeit den Schöpfungen der größten Koloriſten an die Seite. In Feinheit der Farbengebung, in Harmonie der Farbenſtimmung und fein geſtimmter maleriſcher Farbenwirkung kommt ihm keiner gleich.

Er vollendete die Stoffmalerei in Tiſch⸗ decken und Vorhängen, Samt und Seide der Kleidung, und unſer Auge freut ſich an der ſchönen Wiedergabe der Farben. Sein Kleid aus weißem Atlas kehrt oft auf ſeinen Bildern wieder und iſt ſprichwörtlich geworden wie Wouwermans Schimmel, den wir auch oft in unſerer Galerie zu ſehen Gelegenheit haben.

Alles das aber führt uns zu den Perſonen hin, die uns in ihrer pſychologiſchen Ver⸗ tiefung feſſeln und intereſſieren, ſodaß man manche zu kleinen Novellen hat verbinden wollen, und wir empfinden den Reiz, der in der Beobachtung ſich völlig unbeobachtet Wähnender liegt.

Sodann ſpiegelt ſich in ſeinen Bildern, beſonders dem Beiwerk, die ganze Kultur Hollands um die Mitte des 17. Jahrhunderts, der Reichtum, den die Kolonien ins Land brachten mit all ihren beſonderen Erzeugniſſen, ſowie die Blüte der heimiſchen Induſtrie.

Eine größere Zahl ſeiner Genrebilder iſt der Pflege der Muſik gewidmet in immer neuer Ab⸗

wandlung des Themas. Er war, wie die Mehr⸗ zahl ſeiner Volksgenoſſen, ein Freund der Muſik, aber die Muſikbilder von ihm bewegen ſich in den Kreiſen einer gewählten Geſellſchaft. Die Laute iſt hier das beliebteſte Inſtrument und daneben die Guitarre, auch wohl die Violine und die Viola di Gamba(Violoncell). Man ſehe dem gegenüber den Dudelſack, die Geige, die Drehorgel und den Leierkaſten in dem niederen Sittenbild!

Terborch ſteht in einer Zeit ſchon verwilderten Kunſtgeſchmacks als eine einſame Säule da, an Ehren und Erfolgen reich, der letzte Großmeiſter holländiſcher Malerei vor ihrem völligen Untergang. Aber wo ſind ſeine Bilder geblieben? Gar wenig hat ſich erhalten.

Sechs eigenartige Bilder haben wir hier von ſeinem Schüler Kaspar Netſcher, deſſen wir hier auch mit einigen Worten gedenken wollen. Eins iſt freilich nur eine gute alte Kopie.

Er war geboren 1639 zu Heidelberg und ſtarb im Haag Anfang 1684. Zu Deventer war er Terborchs Schüler und dieVäterliche Ermahnung von ihm hat er 1655 kopiert, die früheſte uns er⸗ haltene Arbeit. Wir übergehen von ihm die drei obgleich wertvollen Bildniſſe(ſein Selbſtbildnis(²) Kabinett 11 Nr. 290; Bildnis einer alten Dame Kabinett 7 Nr. 293; Bildnis einer jüngeren, blond⸗ gelockten Dame Kabinett 7 Nr. 294), ebenſo den Maskenſcherz mit den Würſten(Saal II Nr. 292), ein Sitten⸗ oder richtiger Unſittenbild, denn für dergleichen fehlte dem guten Netſcher doch ganz das Temperament, und betrachten nur als be⸗ ſonders zu unſerem Thema gehörigEin Geſchenk von lieber Hand Kabinett 11(Nr. 291) und Die Violoncellſpielerin(Saal II Nr. 295), eine gute alte Kopie nach dem Original im Louvre.

Was zeigt uns das erſte dieſer beiden Bilder? Ein junges Mädchen ſitzt nach links gewendet, doch den Blick dem Beſchauer zugekehrt, vor einem Tiſch, hält in der Linken einen geöffneten Brief,

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