Atlasjacke und des weißen Gewandes von demſelben Stoff. Eine ſo geiſtreiche Verklärung des materiell Stofflichen, wie ſie Terborch hier bietet, erhebt auch das ſcheinbar Alltägliche in die Sphäre hoher Kunſt. Und die Zuſammenwirkung der Farben iſt einzig in ihrer Art: das feine Grau des Hintergrundes, das Dunkelbraun der Tiſchdecke, das Braunrot der Laute, der Perlmutterglanz der gelben und weißen Gewandſtoffe, die kleine rote Schleife in dem blonden Haar der jungen Dame vereinigen ſich zu einem gar feingeſtimmten maleriſchen Geſamteindruck. Mit den einfachſten Mitteln iſt die größte Wirkung erreicht. Wir haben hier ein Bild der höchſten Vollendung in der Auffaſſung, im Vortrag und in der Farbenwirkung, eine der koſtbarſten Perlen unſerer Sammlung.
Es iſt noch ein Gemälde von ihm in Kabinett 11 (Nr. 288),„Hausmuſik“ genannt.
Was zeigt uns dieſes? Links vorn ſteht eine junge, blondlockige Dame in Seitenanſicht, nach rechts gewendet. In der Rechten hält ſie eine Guitarre, mit der Linken legt ſie ein Notenheft auf den Tiſch. Rechts hinter dieſem ſitzt ein Herr, aus einem Notenheft ſingend, das er in der Linken hält, während er mit der Rechten dazu taktiert.
Vergleichen wir dieſes Bild mit dem vorher⸗ gehenden. Das für die junge Dame benutzte Modell iſt dasſelbe wie in dem vorigen Gemälde(und dieſes Geſicht kehrt noch öfter in ſeinen Bildern wieder). Auch ſind die Perſonen ganz vertieft in die Muſik, un⸗ beachtet und unbeobachtet von außen, auch hier eine ähnliche Kleidung der Dame: dasſelbe Schleifchen im Haar, nur von anderer Farbe, ein weißes Atlas⸗ kleid mit breiten Goldbrokatſtreifen beſetzt, dazu hier eine braune Sammetjacke. Auch hier eine ſchöne Zuſammenſtimmung der Farben.
Terborch iſt ein großer Genremaler, der diskrete Meiſter des holländiſchen Sittenbildes, war in Deutſchland früh populär und iſt über allen Wand⸗ lungen des Kunſtgeſchmacks lebendig geblieben. Intereſſant für uns iſt die Würdigung eines ſeiner Bilder, der ſog.„Väterlichen Ermahnung“,
durch Goethe im zweiten Teil der Wahlverwandt⸗ ſchaften(Bd. 15, S. 192, Cotta 1854):„Wer kennt nicht den herrlichen Kupferſtich unſeres Wille von dieſem Gemälde? Einen Fuß über den andern geſchlagen, ſitzt ein edler ritterlicher Vater und ſcheint ſeiner vor ihm ſtehenden Tochter ins Gewiſſen zu reden. Dieſe, eine herrliche Geſtalt, in falten⸗ reichem, weißem Atlaskleide, wird zwar nur von hinten geſehen, aber ihr ganzes Weſen ſcheint an⸗ zudeuten, daß ſie ſich zuſammennimmt. Daß jedoch die Ermahnung nicht heftig und beſchämend ſei, ſieht man aus der Miene und Gebärde des Vaters, und was die Mutter betrifft, ſo ſcheint dieſe eine kleine Verlegenheit zu verbergen, indem ſie in ein Glas Wein blickt, das ſie eben auszuſchlürfen im Begriff iſt.“ Es gibt zwei Exemplare des Bildes, zu Amſterdam und Berlin, bei Roſenberg „Terborch und Jan Steen“ S. 14 und 15 ab⸗ gebildet. Dieſer zeigt S. 43, daß es ſich hier nicht um eine väterliche Ermahnung handelt, ſondern ein junger Offizier ſeine Beredſamkeit aufzubieten ſcheint, um das vor ihm ſtehende junge Mädchen für ſich zu gewinnen, und daß die Frau in Schwarz ihm zur Seite, die etwas verlegen in ihr Weinglas blickt, ihm keineswegs ein Hindernis in den Weg legen wird. Solche galante Liebesabenteuer hat er oft gemalt. Das junge Mädchen aber in weißem Atlaskleid und ſchwarzem Sammetkragen, das dem Beſchauer den Rücken zuwendet, reizte Terborch ſelbſt ſo ſehr, daß er es noch einmal allein mit etwas verändertem Mittel⸗ und Hintergrunde wieder⸗ holte. So wendet uns auch die junge Dame in dem Gemälde„Das Konzert“ im Berliner Muſeum den Rücken zu, und ſo ſind noch in manchen andern Bildern von ihm die Perſonen von hinten zu ſehen.
Terborch bildete ſich in Haarlem in der Schule des Frans Hals und vollendete ſeine Eigenart durch Anregungen, die er aus den Werken Rembrandts, Tizians und Velasquez' empfing. Niederer Stoffkreis feſſelte ihn nicht, er hatte einen Zug zum Vornehmen, zu dem Leben der höheren Geſell⸗ ſchaft und führt uns faſt immer feinere Menſchen


