Aufsatz 
Zur Einführung unserer Schüler in die Kasseler Bildergalerie : 5. Teil.
(Das niederländische höhere Sittenbild.)
Entstehung
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Hemd und eine darüber fallende Kette ſehen. Die Schweſter trägt ein rotſeidenes Kleid, darüber ein Obergewand aus ſchwarzem Atlas mit offenem Mieder und ebenfalls einen breiten, mit Spitzen beſetzten Kragen, dem gleiche Aufſchläge am Arm entſprechen(man vergleiche damit das Frauenbildnis von van Dyck, Saal II, Nr. 129).

Sehen wir uns ferner die Ausſtattung des Zimmers an. Auf dem kräftig gebauten Tiſch des Gelehrten finden wir Bücher, eine kleine anatomiſche Figur, Sanduhr und Globus. Der aufgeſchlagene Deckel des Flügels iſt auf der Innen⸗ ſeite mit dem Urteil des Midas im Wetſſtreit zwiſchen Apollo und Marſyas bemalt. An den Wänden hängen vier Landſchaften in der Art des Joos de Momper, von dem wir einige Bilder in Kabinett 11 und 13 haben. Die Tapete iſt eine gepreßte Ledertapete, hinter der Dame ſteht ein lederbeſchlagener Stuhl mit Kiſſen, vor ihr unter dem Flügel ein ebenſolcher, nur niedriger, auf dem ein weißes Bologneſer Hündchen ruht. Links oben iſt ein großes Fenſter, an deſſen unterem Teil eine im Innern angebrachte Klappſchalter geöffnet iſt.

Durch die ſchön umrahmte Bogentür in der Mitte der Rückwand hat man einen perſpektiviſch ſchönen Blick in ein zweites helles Zimmer, die Bibliothek des jungen Gelehrten, von dem eine zweite Tür ins Freie führt.

Woher kommt die Beleuchtung? Sie kommt von vorn oben links, wie ſchon der Schatten des Tiſches, der Beine des junges Mannes und der Beine des Stuhles, auf dem das Hündchen liegt, ſowie die helle Beleuchtung des auf der Tiſchplatte liegenden vorderen Teils der Tiſchdecke beweiſt. Das erwähnte Fenſter liefert keinen weſentlichen Beitrag zur Beleuchtung.

Was iſt nun noch über die koloriſtiſche Ausführung zu ſagen? Dieſe iſt eine äußerſt ſorgfältige und anmutende. Die Farben des Hinter⸗ grundes ſind gedämpft: die Tapete blaugrün, mit gelblich⸗braunen Ornamenten verſehen, die Um⸗ rahmung der Tür und der Fenſterladen braunrot,

in gedämpftem Rot auch die Rücklehne des Seſſels der Dame und der Flügel gehalten. Lebhaft treten nun vor dieſen Gegenſtänden hervor die rote Tiſch⸗ decke und das rote Unterkleid der Dame, die ſchwarzen Gewänder dieſer und ihres Bruders, die blonden Locken ſowie die hell beleuchteten geiſtreichen Köpfchen beider,die mit dem zarten Schmelz ihrer Karnation wie zwei Edelſteine aus dem farben⸗ reichen Geſchmeide hervorleuchten, die hellen Kragen, das anatomiſche Figürchen und das auf dem Stuhl liegende weiße Hündchen. Mit der größten Kunſt und dem feinſten Geſchmack ſind die Farben gewählt und zuſammengeſtellt; das Bild wirkt beſonders durch die Farben, ohne ſie wäre es nichts.

Wir haben, wie geſagt, zunächſt ein Porträt der beiden jungen Leute, aber durch die intereſſante Darſtellung ihrer Umgebung mit dem verſchiedenen Beiwerk haben wir eine Art Sittenbild erhalten, und das behaglich und ſchön eingerichtete Zimmer gewährt uns in ſeiner koſtbaren und minutiös wiedergegebenen Ausſtattung einen kultur⸗ geſchichtlich wertvollen Anblick. Dabei iſt dieſes Zimmer mit ſeiner Einrichtung, ſeinen Möbeln und kleinen Kunſtgegenſtänden eins der ſchönſten, die uns jemals von einem Feinmaler

gemalt worden ſind: das Ganze ein Kunſtwerk ſo

ſchön und lieblich, daß es mit Worten nicht geſchildert werden kann, ſondern geſehen und in längerer und wiederholter Betrachtung genoſſen werden muß. Dieſes Bild, 1640 gemalt, iſt das früheſte, das wir von Coques haben..

Es iſt hier noch einFamilienbild von ihm, aus vier Perſonen beſtehend, in Saal II (Nr. 152), wie er ja hauptſächlich Gruppenbildniſſe, Geſellſchaftsſtücke in ruhigen Zuſtandsbildern, be⸗ hagliche und zufriedene Leute, und Szenen aus den Kreiſen der Gebildeten malte. Seine Familien⸗ bilder beſtehen gewöhnlich aus noch viel mehr Perſonen als dieſes.

Wir laſſen nun die Schüler, entſprechend dem bei dem vorigen Bilde ausführlich Dargeſtellten, das einzelne beſtimmen unter beſonderer Hervor⸗