Aufsatz 
Zur Einführung unserer Schüler in die Kasseler Bildergalerie : 5. Teil.
(Das niederländische höhere Sittenbild.)
Entstehung
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Zweck iſt Übung im Sehen und in klarem, ge⸗ wandtem Ausdruck.

Zuerſt iſt der ſachliche Inhalt und Vor⸗ gang zu beobachten und einzuprägen; und das erzählende Genrebild iſt nach dieſer Seite beſonders feſſelnd und wertvoll. Die Vorgänge und Be⸗ ſchäftigungen des täglichen Lebens, die es bietet, ſind leicht verſtändlich, führen uns in Sitten und Gewohnheiten einer alten Zeit und geben uns An⸗ regung und Anleitung, auch unſere Umgebung mit künſtleriſchem Blick zu beobachten und Bilder aus ihr herauszufinden. 4

Nach dem ſachlichen Inhalt iſt die Beleuchtung und die Farbe zu beachten und den Schülern nahe zu bringen, daß bei vielen Bildern gerade die Farbe eine Hauptſache iſt.

Endlich aber ſollen ſie auch bei längerer Be⸗ trachtung begreifen lernen, daß wie bei einem Gedicht jenſeits der erklärenden Worte noch etwas in dem Kunſtwerk liegt, das man nur fühlen und empfinden kann, und daß man durch wiederholte und eingehende Beobachtung und Pflege

des Gefühls ein Kunſtwerk erſt genießen lernt.

Auch dazu iſt Anweiſung und Übung nötig.

Nach ſolcher Betrachtung eines einzelnen Kunſt⸗ werks folgen die anderen desſelben Künſtlers mit gelegentlicher Vergleichung untereinander oder mit kurzen vergleichenden Hinweiſen auf andere den Schülern bekannte Gemälde unſerer Sammlung, und den Abſchluß macht eine in der Hauptſache vom Lehrer zu gebende kurze Würdigung der Eigenart und Bedeutung des Künſtlers innerhalb ſeiner Zeitepoche.*)

Nachdem wir früher unter den vlämiſchen Kleinmeiſtern Teniers d. J. eingehend gewürdigt haben, gehen wir heute zu ſeinem 8 Jahre jüngeren Zeitgenoſſen und Landsmann Gonzales Coques

*) Die von mir benutzten Bücher ſind dieſelben, die in der Abhandlung von 1903 von mir angegeben ſind, und dazu noch das neueAlbum der Caſſeler Galerie von Eiſenmann und Philippi von 1907.

zwiſchen den beiden Künſtlern!

(geb. 1618, geſt. 1684 zu Antwerpen), von dem wir hier zwei kleine, höchſt liebevoll durchgeführte Gruppenbilder haben, und betrachten zuerſt in Kabinett 7(Nr. 151) das GemäldeDer junge Gelehrte und ſeine Schweſter.

Welch gewaltigen Gegenſatz erkennen wir Dort das niedere Sittenbild, Szenen aus dem niederen Volksleben, dasBauernbild, auf dem Teniers' Ruhm beruht, hier ein Bild aus der höheren Geſellſchaft mit Perſonen aus vornehmem Stande(Stoffe, die übrigens auch Teniers gepflegt hat).

Was iſt über die Perſonen und ihre Tätigkeit zu ſagen? Ein junger Gelehrter, gekennzeichnet durch die Gegenſtände auf dem Tiſche, ſitzt im Vordergrunde zur linken Seite, mit der Rechten in einem vor ihm liegenden Buche blätternd, die Linke ſprechend ausgeſtreckt(offenbar iſt er mit einem wiſſenſchaftlichen Problem beſchäftigt). Sein Geſicht iſt ein wenig nach links, aber der Blick dem Be⸗ ſchauer zugewandt. Rechts ſteht etwas weiter zurück vor einem geöffneten Flügel und auf demſelben ſpielend eine junge Dame, etwas älter als er. Sie iſt ein wenig nach rechts von dem jungen Mann abgewandt, ſieht aber gleichfalls den Beſchauer an.

Warum kann ſie als ſeine Schweſter bezeichnet werden? Sie gleicht ihm in der Geſichtsbildung, der Geſichtsfarbe, dem blondgelockten Haar und der Statur.

Beide ſind nicht ganz in ihre Beſchäftigung vertieft, ſondern halten dem Maler ſtill, der ſie porträtiert. Wir haben alſo ein Porträt der beiden, das aber durch die ausgeſuchte Darſtellung der Umgebung mit dem ſorgfältig ausgeführten Beiwerk ganz den Charakter eines Genrebildes erhält.

Sehen wir uns nun zunächſt die Kleidung der Geſchwiſter an. Es iſt die der vornehmen Stände der damaligen Zeit. Er iſt ganz in ſchwarzen Atlas gekleidet(man denke an dasBildnis eines Unbekannten von Rembrandt, Saal II, Nr. 239), trägt einen breiten Spitzenkragen, und das ſich über der Bruſt öffnende Gewand läßt ein ſpitzenbeſetztes