Zur Einführung unſerer Schüler in die Caſſeler Bildergalerie.
V.
(Das niederländiſche höhere Sittenbild.)
Als am 18. Oktober v. J. bei der Einweihung der neuen Königlichen Kunſtakademie Profeſſor Kolitz unter den großen Meiſterwerken aller Zeiten den Jakobsſegen von Rembrandt hier hervorhob, Geh. Oberregierungsrat Dr. Schmidt aus Berlin ſagte, daß unſere Gemäldeſammlung, die wohl als die ſchönſte in Deutſchland angeſehen werden könne, dem angehenden Künſtler die höchſten Vorbilder biete, und Profeſſor Knackfuß ausführte, wie
Landgraf Friedrich II. als Erbe der prächtigen
Gemäldeſammlung dieſen Kunſtſchatz der Allgemein⸗
heit nutzbar machen wollte vor allem dadurch, daß an den hier gegebenen großen Vorbildern einheimiſche junge Künſtler ſich ſchulen ſollten, da erwachte in
mir der Wunſch, noch einmal etwas beizutragen zur Hebung eines allgemeineren Intereſſes für unſere unvergleichliche Gemäldegalerie und zur Förderung und Vertiefung des Verſtändniſſes für dieſelbe. Ich habe die freudige Genugtuung gefunden, daß meine Volksvorträge in der Gemäldegalerie, die ich in verſchiedenen Jahren hielt, reichen Beifall ernteten, und daß unſere früheren Arbeiten(die von mir in den Jahresberichten des Friedrichs⸗Gymnaſiums O. 1898, 1899*) und 1903, ſowie die von Profeſſor Paulus O. 1900) oft und mit Erfolg benutzt worden ſind. Am Schluß meiner Abhandlung 1903
*) ſ. Lohr in der Zeitſchr.„Gymnaſium“ 1900, S. 98.
hatte ich geſagt, daß die Betrachtung und Würdigung der Sittenbilder von Gonzales Coques, Terborch und Metſu mir vielleicht Stoff geben würden für eine neue Programmabhandlung. So will ich denn jetzt, da ich durch eine glückliche Augenoperation wieder in den Gebrauch meiner Sehkraft gekommen bin und in dem Ruheſtand, in den ich zu Michaelis v. J. trat, reichlich Muße zu ſolcher Arbeit habe, gleichſam zum Abſchied von der mir ſo lieben Anſtalt und den von mir zuletzt unterrichteten Primanern, mit denen ich kurz vor meiner Penſionierung noch mehreremal die Gemäldegalerie beſucht hatte, noch die Haupt⸗ vertreter des höheren niederländiſchen Sittenbildes in unſerer Galerie, Coques, Terborch, Netſcher und Metſu, für den Gebrauch in der Schule beſprechen.
Ich gebe die Ausführungen zum Teil etwas mehr als früher in der unterrichtlichen Form, um zugleich jüngeren Kollegen eine Anleitung zu geben, wie wohl die Schüler ſicher und planmäßig zum Verſtändnis eines Kunſtwerkes und zu rechter Wür⸗ digung desſelben und des Künſtlers geführt werden können. Es wird hier ſo viel wie irgend möglich von den Schülern zu erfragen und von ihnen ſelbſt zu finden ſein. Dabei werden auch anfangs recht eiufache und ſcheinbar ſelbſtverſtändliche Dinge ge⸗ V fragt werden müſſen, da die Schüler ſich erfahrungs⸗ mäßig zu Anfang auch ſolchen gegenüber oft unſicher, ſchüchtern und zurückhaltend zeigen. Der nächſte


