Aufsatz 
Über die Pflege der Muttersprache in den höheren Schulen / von Ferdinand Schmidt
Entstehung
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erhabensten Wörter abgeleitet¹). Wenn aber die Sprache Schriftsprache wird, so verblassen allmählich die ursprünglichen Bilder. Die deutsche Schriftsprache hat als Sprache der Wissen- schaft, besonders der Philosophie, zahlreiche Wörter erst ihres Inhaltes entleert und gewisser- massen vergeistigt. Dadurch gewinnt nun die Rede nichts an Verständlichkeit, je mehr Abstrakta auf ung, heit, keit, schaft, nis da sind, desto unklarer wird die Darstellung, und wenn dazu noch unendliche Perioden kommen, dann ist man erst recht verlassen ²).

Unsere jetzige Schriftsprache ist aber schon so abstrakt geworden, dass wir bei den meisten Bildern gar nicht mehr daran denken, dass es Bilder sind. Wer z. B. denkt, dass er in einem Bilde spricht, wenn er von der Laune des Schicksals oder von einem Schicksalsschlage redet?

Daher kommt es denn, dass man ganz ungehörige Dinge zusammenstellt, wie wenn ein Maler ein Bild malte, worauf er Menschen mit tierischen oder Tiere mit menschlichen Gliedmassen darstellte. Oder ist es nicht so, wenn jemand den Strom der Zeit an der Stirnlocke fasst, oder wenn Felsenhörner zu Stegen, die Riesen zu Massstäben und die Massstäbe zu Leitern werden?

Dieses Verblassen der Bilder findet in der Schriftsprache, nicht aber in der Mundart statt, und aus der Mundart muss der Schriftsprache neue Nahrung zufliessen. Der Bauer, der Hiirt, der Fischer reden meist über sinnliche Dinge, und gewisse Wendungen der Schriftsprache sind z. B. dem plattdeutschen Bauer nicht verständlich, weil er eben die Worte in ihrer eigentlichen Bedeutung nimmt. Klaus Groth³) bemerkt:Der Hochdeutsche sagt die Schüler hingen ihm am Munde und denkt nur: sie horchten aufmerksam, de Schöler hunge em am Mund, das könnte der Plattdeutsche nicht sagen ohne sie hangen zu sehen, er denkt an Blutegel oder was weiss ich. Im Sommer such' ein Liebchen dir(Uhland) plattdeutsch gedacht werden wir gleich fragen: suche? wo? unterm Tisch? im Garten? Die Verba haben eben noch ihre ursprüngliche Bedeutung, die bei uns ganz blass geworden ist, lebendig erhalten.

Muss aber der Bauer, der Hirt, der Fischer über abstrakte Dinge reden, zu denen seine Mundart nicht so geeignet ist, so greift er nach einem Vergleich, nach einem Bilde, das immer treffend ist, weil er die Natur ganz anders beobachtet wie der Gebildete, der vor lauter Bücher- weisheit ganz verlernt die Natur zu betrachten und ja auch nicht in enge Berührung mit ihr kommt. Diese anschauliche Sprache zeigt sich besonders im Sprichwort, aber auch in der Sprache an und für sich. G. Dannehl¹) erzählt uns, er habe in einem gemütlichen Wortstreit einen ganz schlichten Bauer zu einem andern, den er zu seiner vermeintlich besseren Ansicht ohne Erfolg zu bekehren gesucht habe, sagen hören:Wat eenmal to'n Swintrog uthaut is, dat werd in sien Lewen kein Vigelin und nennt dies mit vollem Recht ein Bild, das eines Shakespeare würdig wäre. Plattdeutsche Redensarten 5) über den Fuchs mögen hier auch eine Stelle finden, um das oben Gesagte zu bestätigen.

¹) Max Müller, Vorlesungen über die Wissenschaft der Sprache. Deutsch von Böttger II, S. 370.

²) H. Osthoff, Schriftsprache und Volksmundart. Sammlung wissenschaftlicher Vortrüge von Virchow. und Holtzendorff 411, S. 29.

³) Klaus Groth, Briefe über Hochdeutsch und Plattdeutsch S. 115.

¹) Dannehl, Über niederdeutsche Sprache und Literatur. Sammlung wissenschaftlicher Vortrüge von Virchow und Holtzendorff 219, 220, S. 28.

3) Kl. Groth, Über Mundarten und mundartige Dichtung S. 59.