Aufsatz 
Über die Pflege der Muttersprache in den höheren Schulen / von Ferdinand Schmidt
Entstehung
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Der dieser Arbeit zugemessene Raum gestattet nicht eine ausführliche Erörterung der Frage über den Unterricht in der deutschen Grammatik, wenn nicht etwas anderes, das dem Verfasser viel wichtiger scheint, ganz unberührt bleiben soll.

Zu dieser wichtigen Seite des deutschen Sprachunterrichts möge uns Hildebrand den Weg weisen(a. a. O. S. 86), der dort ungefähr folgendes auseinandersetzt: Der Sprachvorrat des Einzelnen bestehe eigentlich weniger aus einzelnen Worten, als aus Redens- arten und Verbindungen von Worten, die zusammen auftreten. Der Redende greife in diesen Vorrat ähnlich, wie einst der epische Dichter in seinen Vorrat epischer Formeln gegriffen habe. Diese Redensarten seien gleichsam kleine Ausschnitte aus der wirklichen Welt, photographische Bilder, die vor langer Zeit von irgend einem Vorgange in oder ausser uns auf- genommen worden seien.

Dieser Vorrat überlieferter Redensarten bilde nun das innerste Leben der Sprache, und auf diesem Gebiete habe die Schule noch fast alles zu thun. Es sei ihre Aufgabe, den ursprüng- lichen Sinn dieser Redensarten aufzudecken und die Worte wieder mit ihrem wahren Inhalte zu füllen. Die Gewalt grosser Dichter und Schriftsteller beruhe grade darauf, dass sie auch die gewöhnlichen Worte wieder mit ihrem vollen Inhalte füllten, sie gleichsam beim Wort nähmen. Ein von Hildebrand angeführtes Beispiel aus Lessing(Hamb. Dramaturg. St. 22) setzt den Gegenstand in ein helles Licht. Lessing spricht von Lustspieldichtern seiner Zeit, welche Original- narren, d. h. nach und aus dem Leben, statt aus Büchern und Vorbildern, zu zeichnen suchen, aber sie zu flach darstellen, und führt dann fortin der Nachahmung haben sich unsere Virtuosen an eine allzuflache Manier gewöhnt. Sie machen sie ähnlich, aber nicht hervorspringend. Sie treffen; aber da sie ihren Gegenstand nicht vorteilhaft genug zu beleuchten gewusst, so mangelt dem Bilde die Rundung, das Körperliche; wir sehen nur immer eine Seite, an der wir uns bald satt gesehen und deren allzuschneidende Aussenlinien uns gleich an die Täuschung erinnern, wenn wir in Gedanken um die übrigen Seiten herumgehen wollen. Man sieht, dass hier die Wörter flach, hervor- springend, beleuchten, Rundung, herumgehen alle wieder in ihre ursprünglichen, rein sinnlichen Bedeutung genommen werden, wodurch unser Denken unmerklich in ein Sehen übergeht, sodass wir uns wahrhaft erfrischt fühlen. Hildebrand meint also, der deutsche Unterricht solle den Schüler anleiten, die in der Sprache vorhandenen Bilder genau zu betrachten, um die ursprüngliche Gestalt zu erkennen. Da ist z. B. die Redensart die Arbeit geht. Hildebrand bemerkt, wer diese Wendung mit dem Worte Personification abmache, der erwecke bei dem Secundaner den Gedanken an irgend einen gelehrten Alten, der die Griechen und Römer mit dieser feinen Erfin- dung beschenkt habe zur weiteren Unterscheidung der Poesie und Prosa. Nein, der Lehrer solle hier die Sache andeutend durch die Klasse gehen, der Lehrer werde dadurch nicht etwa zum Schauspieler(obwohl er den eigentlichsten reinsten Geistesgenuss des Schauspielers nebenbei geniesse), sondern er entferne nur die abstrakte Nebelschicht, die leider so dicht um die Schule liege und den Blick ins frische Leben hinaus hindere. Eine solche Erfrischung des Geistes, eine Rückkehr aus der Nebelwelt der Abstraktion in das luftige und sonnige Feld der Anschauung thut uns allerdings not.

In der Sprache ist ursprünglich alles vom Sinnlichen hergenommen, alle Wurzeln sind lautliche Zeichen für sinnliche Eindrücke, und von diesen Wurzeln werden die abstraktesten und