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IHlier muss vor allem die Frage aufgeworfen werden: Warum treiben wir denn Grammatik? Doch nur um eine Sprache zu lernen, das kann also auf die Muttersprache keine Anwendung finden, weil wir die Gott sei Dank! schon kennen. Wenn man aber die Gescetze der Muttersprache ergründet, das ist doch wohl auch Grammatik? Diese wissenschaftliche Grammatik aber muss man so lange hinausschieben, bis der Besitz der Muttersprache ganz fest geworden ist. Beginnen wir nämlich mit dem Aufsuchen dieser Gesetze zu früh, so werden sie dem Schüler unmerklich zu Regeln, nach denen er sich richten muss. Davor bleibe er aber in seiner Nutter- sprache bewahrt! Es heisst aber auch den Zwiespalt zu früh hervorrufen, wenn man den Schüler der unteren Klassen lehrt über sich selbst zu reffektieren, denn die Muttersprache ist ihm gar keine Sprache, sie ist ihm sein ganzes Denken, Wollen und Empfinden, und je länger diese feste Einheit ungestört bestehen bleibt, desto kräftiger wird sein Sprachgefühl sich entwickeln können, während es durch zu frühe Reflexion in seinem Wachstum gestört wird.
Der Unterricht in der deutschen Grammatik kann, wie auch Gymnasialdirektor Schmelzer (a. a. O. S. 131) bemerkt, nur den Zweck haben, auf einzelne Erscheinungen aufmerksam zu machen, dazu genügen aber vollständig gelegentliche Bemerkungen, die an die Korrektur der schriftlichen Arbeiten oder auch an die Lektüre angeschlossen werden können, falls die ersteren einen Fehler, die letztere eine auffallende grammatische Erscheinung zeigen. Dinge, die sich von selbst verstehen, soll man nicht lehren wollen; wenn der Schüler arbeiten soll, so muss er eine Bercicherung seines Wissens fühlen, sonst wendet er sich als von einer nicht lohnenden Arbeit ab, und daran thut er recht. Der Anschluss an die Lektüre, von dem der Referent der west- fälischen Direktoren-Versammlung so dringend abrät, hat aber meines Erachtens gar nichts Bedenkliches, und die Wirkung eines Lesestücks braucht dadurch gar nicht gestört zu werden, nur muss man erst den Stoff desselben mit den Schülern so verarbeitet haben, dass er ihr völliges Eigentum geworden ist, dann kann man zur Betrachtung der Form übergehen. Sachliche und grammatische Fragen wird man freilich nicht durcheinander mischen, weil sonst weder für die Sache noch für die Form etwas Ordentliches zustande kommt. Es müssen zwei geschlossene Bilder entstehen.
Was wird aber in der systematischen Grammatik dem Schüler zugemutet? Er soll da z. B. die Präpositionen mit dem Genitiv auswendig lernen:
Unweit, mittelst, kraft und während ¹), Laut, vermöge, ungeachtet, u. S. w.
Das erinnert an ante, apud, ad, adversus etc. und heisst die Muttersprache wie das Latein lchren wollen. Die Formenlehre kennen die Schüler auch vollständig, abgeschen von unwichtigen Einzelheiten, mit Regeln soll man sie also verschonen! ²)
Die Muttersprache lernt sich wie das Laufen, nicht durch Regeln, sondern durch Ubung; in den unteren Klassen der höheren Schulen kann nur das Verfahren wirklich das Sprachgefühl stärken, welches Schrader nach den Grundsätzen Wackernagels in seiner Pädagogik ³) auseinandergesetzt hat.
¹) Diese Verse führen in einer Grammatik den Namen Denk verse, gerade wie lucus a non lucendo! ²) Vgl. Hildebrand a. a. 0. S. 73. 3) Schrader a. a. O. S. 453.


