Aufsatz 
Über die Pflege der Muttersprache in den höheren Schulen / von Ferdinand Schmidt
Entstehung
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indem sie das Band fester schlingt, das uns alle umschliesst, hoch und niedrig, arm und reich, gelehrt und ungelehrt ¹).

Auf diese grosse sociale Bedeutung des Unterrichts in der Muttersprache kann hier nur kurz hingewiesen werden, wie auch seine nationale Bedeutung hier nicht erörtert werden kann. Was die letztere betrifft, so genüge die Bemerkung, dass wir lange nur in der Sprache eins waren.

Schiebt man die Erlernung der fremden Sprachen auf eine spätere Zeit hinaus, so ist eine Vermehrung der deutschen Stunden über 4 nicht nötig, vorausgesetzt, dass der Muttersprache diese Zeit durch die ganze Schule erhalten bleibt. Vier Stunden wären aber jetzt, wo man ein starkes Gegengewicht gegen die fremden Sprachen haben muss, durchaus nicht genügend. Man sollte den Schülern wenigstens täglich eine Stunde gönnen, wo die Qual des ewigen Lernens durch die Beschäftigung mit dem Schönen unterbrochen würde. Denn während sie in den übrigen Stunden, in denen das Wissen eine zu grosse Rolle spielt, auf einer sonnigen, schnurgeraden Landstrasse müde und durstig dahinschleichen, springen sie hier(sie sollen es wenigstens) frei in dem grünen Wald umher, wo in erfrischender Kühle die Vögel singen und ein klarer Bach über bemooste Felsen rauscht.

Ein Gegner der Vermehrung der deutschen Stunden scheint Jäger ²) zu sein, denn er sagt:Nur mit Schauder denke ich daran, dass von manchen Seiten eine Vermehrung der Stundenzahl für den deutschen Unterricht erstrebt wird, natürlich nur um denselben noch rationeller zu betreiben; damit würde an unseren Gymnasien die Natur aus ihrem letzten Zufluchtsorte ver- trieben. Wenn aber nun der deutsche Unterricht ganz naturalistisch gestaltet wird, dann wird er wohl nichts dagegen einzuwenden haben. Ubrigens muss es sehr schlecht um unsere Gymnasien stehen, wenn sich die Natur in 3 oder 2 deutsche Stunden retten muss, dann herrscht in allen übrigen Stunden die Unnatur. Das wäre aber der grösste Vorwurf, den man unseren Schulen machen könnte, denn der Lerntrieb ist doch etwas Natürliches, und seine Anregung und Leitung anderes hat ja die Schule nicht zu thun muss sich auf die allernatürlichste Weise vollziehen lassen.

Die Grundlage des deutschen Unterrichts bildet das Lesebuch, das ganz abgesehen von dem, was daran geübt wird, einen bedeutenden Einfluss auf die sprachliche Entwickelung des Schülers haben muss. Wie ein gutes Lesebuch beschaffen sein müsse, darüber äussert sich Schrader ¹) folgendermassen:

Dasselbe dient nicht dazu, um den Wortschatz überhaupt kennen zu lehren und noch weniger, um an ihm die Formenlehre einzuüben; beides ist dem Schüler der Hauptsache nach

¹) Hier muss ich aufs allerentschiedendste einer Ansicht entgegentreten, die in einem kürzlich erschienenen Schriftchen ausgesprochen ist. E. Christaller(Öber unser Gymnasialwesen. Leipzig 1884), dessen Kritik der Gymnasien wohl im allgemeinen richtig ist, gibt bei Gelegenheit des Aufbaus seiner modernen Normalschule den Eltern den Rat, ihre Kinder vor dem Besuche dieser höheren Schule nicht in eineVolksschule zu schicken, da die Gefahren nicht zu verkennen seien, welcheedel gearteten Naturen aus dem Verkehr mitrohem und geistig beschränktem Proletariat erwachsen könnten. In Schulfragen kennen wir keinrohes und geistig beschränktes Proletariat. Diese Xusserung Christallers schmeckt sehr nach England, der Himmel behüte unser Vaterland vor einer Scheidung der Klassen, wie sie dort besteht!

²) O. Jäger, Aus der Praxis. Wiesbaden 1883. S. 86.

²) Schrader, Erziehungs- und Unterrichtslehre für Gymnasien und Realschulen, S. 449.