Aufsatz 
Über die Pflege der Muttersprache in den höheren Schulen / von Ferdinand Schmidt
Entstehung
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der dem Schüler in den übrigen Stunden für seine Muttersprache erwächst, nicht schr hoch angeschlagen werden, wie eine nähere Betrachtung der einzelnen Gegenstände zeigen wird.

Da ist zunächst das Lateinische oder das Französische. Muss er denn hier nicht für jedes fremde Wort ein deutsches und für das deutsche ein fremdes lernen, muss er nicht Sätze aus einer Sprache in die andere übersetzen? Durch das Auswendiglernen zusammenhangloser Wörter wird man in keiner Sprache gefördert; man lernt sie ja allgemein nicht nach ihrer inneren Ver- bindung, sondern gerade wie sie im Lexikon stehen oder wie sie in den UÜbungssätzen nötig sind: amicitia, ancilla, aqua, aquila, ara, arena, Asia, Athenae, audacia, avaritia; le siège, le maitre, le commencement, la confusion, le cadavre u. s. W. Man hat als die Ursache der sichtlichen Abnahme der Gedächtniskraft die zu frühe Abstraktion und Reflexion bezeichnet ¹), nach des Verfassers Ansicht ist das Auswendiglernen so vieler zusammenhangloser Wörter mindestens ebenso sehr schuld daran. Zwischen Wörtern, die der Schüler behalten soll, muss eine innere Verbindung bestehen, dann behält er sie ohne jegliche Mühe, oder darf er nicht behalten, was er nicht mit Mühe auswendig gelernt hat? Hat je ein Lehrer gefunden, dass den Schülern die Wörter einer kleinen Erzühlung gefehlt haben? Man braucht Wochen, ja Monate lang sie nicht zu berühren, sobald man aber nur in die Nähe des geistigen Gebietes kommt, dem sie angehören, sofort springen sie auf, zu jeglichem Dienst bereit.

Kräftigt er denn nicht sein deutsches Sprachgefühl durch die Ubersetzung der Sätze? Jahre lang lässt man den Knaben seinen Geist an Sätzen folgender Art üben: der Fleiss ist die Ursache der Freude des Mädchens; die Not ist für die Landleute eine Ursache des Fleisses; Britannien hat eine Menge Hühner; die Mädchen der Landleute haben Geld; Rosen und Tauben sind für die Mädchen eine Ursache der Freude; diese Bücher werden von uns gelesen werden; die Philosophie ist die Mutter der Künste; dem tapferen Heere der Athener bereitet die ausser- ordentlich grosse Zahl der Perser keine Furcht; die Esel bereiten den Knaben, die Pferde den Männern Freude; die Gebäude der Stadt haben Dächer; dem grossen(gemeinen) Haufen fehlen oft Speise und Kleidungsstücke; den Knaben ergötzt das Ei der Henne; gute Knaben bereiten nicht andern Knaben Schaden und Verlust; die Lehrer werden diejenigen Schüler, die sie vergebens zum Lernen ermuntert haben werden, bestrafen; wenn du das Beispiel der Guten nachgeahmt haben wirst, wirst du dir grosses Lob bereiten; es war ein heftiges Unwetter entstanden, welches die Schiffe der Römer verletzt hatte; die schwersten Feindschaften sind oft schon aus den süssesten Freundschaften entstanden(deutsch sagt man: erbitterte Feindschaft, innige Freundschaft); die Römer würden, wenn sie früher Getreide gekauft oder von den Kekern der Feinde gemäht hätten, nicht durch so grossen Mangel gedrückt worden sein(deutsch sagt man: ich mähe das Getreide auf dem Acker, ich leide Mangel); du wirst nicht weise, sondern toll sein, wenn du, durch eine zweifelhafte Hoffnung getrieben, deinen Körper einer sicheren Gefahr preisgeben(vorwerfen) wirst (deutsch sagt man: sich in cine Gefahr begeben oder sich einer Gefahr aussetzen, man scheidet da auch nicht Körper und Geist); die Künste sind sowohl zum Nutzen als auch zum Vergnügen erfunden worden; Demosthenes hat sich als einen sehr scharfen Verteidiger der griechischen Freiheit bewiesen(in diesem Zusammenhange kann von einem scharfen Verteidiger gar keine

¹) Verhandlungen der 20. Direktoren-Versammlung in der Provinz Westfalen, S. 129.