Aufsatz 
Über die Pflege der Muttersprache in den höheren Schulen / von Ferdinand Schmidt
Entstehung
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ganz zusammendrücken und zusammenschrumpfen, während sie sich ausdehnen und kräftigen sollte. Wer in den unteren Klassen unterrichtet, muss bemerken, dass die Knaben allmählich ihre mit- gebrachte körperliche und geistige Frische einbüssen; ausser anderen Ursachen ist das frühzeitige Erlernen fremder Sprachen schuld daran ¹).

Ein 9 jähriger Junge ist nicht imstande eine fremde Sprache zu lernen, d. h. zu begreifen, er lernt sie nur durch unzählige Wiederholung, durch eine übermässige Belastung des Gedächt- nisses, an das in unserer höheren Schule überhaupt die schrecklichsten Forderungen gestellt werden. Hier vor allem sollten wir bedenken, dass bei den meisten Kenntnissen, die wir erwerben, die Thätigheit des Erwerbens höheren Wertes ist als der Besitz, und dass in allem Unterricht das Wesentlichere ist, wie die Kinder arbeiten und sich durch eigene Arbeit bereichern ²).

Was würde ein Vater sagen, dem man vorschlüge, seinen Sohn vom 9.14. Jahre reisen zu lassen? Würde er nicht antworten, das sei verlorene Zeit, verlorenes Geld und sei ausserdem der Festigung des Charakters hinderlich, da der junge Mensch den Wert des Fremden und des Eigenen doch nicht abzuschätzen verstehe? Ist das Erlernen einer fremden Sprache nicht mit einer solchen Reise zu vergleichen? Ach, wie trüb ist meinem Sinn, Wenn ich in der Fremde bin, Wenn ich fremde Zungen üben, Fremde Worte brauchen muss,

Die ich nimmermehr kann lieben, Die nicht klingen als ein Gruss!

Diese Worte Schenkendorfs gelten auch für die fremdsprachlichen Stunden, denn hier sind die armen Kinder auch in der Fremde. Das Heimweh zeigt sich auch manchmal in dem sogenanntenUnsinn, in dem oft ein tiefer Sinn liegt. Dass es sich nicht öfter hervorwagt, dafür sorgt die Schulordnung, auch ist zu bedenken, dass ein System, wenn es mit Beharrlichkeit lange durchgeführt wird, allmählich die Selbständigkeit der Geister aufheben muss.

Wir wollen daher die Knaben(auch die Mädchen) recht lange auf den grünen Wiesen, in dem schattigen Walde der Heimat, in Luft und Sonnenschein umherspringen lassen, ehe wir ihren frischen Geist in ein ihm ganz fremdes Gebiet führen, auf dem er sich doch nicht wohl fühlen kann. Erst sollen sie in der Muttersprache fest werden, dann mögen sie mit Vorteil eine fremde beginnen. Man kann niemand das Seiltanzen lehren, der auf ebener Erde noch nicht fest auf den Beinen ist.

Aber, wirft man hier ein, wird denn der Knabe nicht durch alle Unterrichtsgegenstände im Gebrauche seiner Muttersprache gefördert? Es ist eine selbstverständliche Forderung, dass der Lehrer jedes Unterrichtsgegenstandes sich selbst einer dem Stoffe angemessenen und richtigen Sprache bedienen und von dem Schüler dasselbe verlangen soll. Trotzdem kann der Gewinn,

¹) Wackernagel a. a. O. S. 18. Philipp hat gesagt, das deutsche Lesebuch führe der Notwendigkeit gegenüber, die der Geist des Unterrichts sei, das Moment der Freiheit und Liebe in die Schule ein. Darauf ant- wortet Karl: Du drückst dich sehr milde aus, wenn du die Not der Jugend Notwendigkeit nennst. Müsste ich nicht fürchten, dich aus dem Zusammenhang deiner Gründe zu bringen, so würde ich dir eine Jugend schildern, welche am frühzeitigen Sprachenlernen leiblich und geistig zugrunde gerichtet wird und unter den Schlägen ihrer Treiber den Prüfungen entgegenseufzt, die der Staat ihr Leben lang über sie verhängt.

²) Vgl. Lazarus, Erziehung und Geschichte. Breslau 1881. S. 32.