Aufsatz 
Über die Pflege der Muttersprache in den höheren Schulen / von Ferdinand Schmidt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

gilt, und das ganz besonders an unseren höheren Schulen.(Hildebrand a. a. O., S. 1 ff.) Ist das nicht seltsam, dass uns das, was uns das Liebste sein sollte, so unlieb werden kann, dass wir in dem, was wir besitzen und beherrschen wie nichts anderes, junge Menschen so ungern und mit so viel Mühe unterrichten? Sollten nicht gerade die deutschen Stunden für Lehrer und Schüler Stunden reinster Freude sein? Man geht wohl nicht fehl, wenn man die Unlust der Lehrer zu den deutschen Stunden zurückführt auf die Unsicherheit in Beantwortung der Frage, was denn nun eigentlich in den deutschen Stunden geschehen soll. Was nämlich in anderen Unterrichtsgegenständen die Arbeit wesentlich erleichtert, ist einerseits der mit sicheren Grenzen umzogene Stoff, andererseits die zum Teil schon durch das Lehrbuch vorgezeichnete Methode, einerlei ob dieselbe richtig ist oder nicht. Über Stoff und Methode des deutschen Unterrichts und über die Zeit, die ihm zu widmen ist, scheint man noch nicht zu einer ebenso festen Ansicht gekommen zu sein, was einen nicht zu wundern braucht, wenn er bedenkt, dass man diesem Unterrichts- gegenstand an den höheren Schulen von jeher keine besondere Sorgfalt hat angedeihen lassen.

Deshalb hat der Verfasser dieser kleinen Arbeit geglaubt, gerade an dieser Stelle, auf die der Blick der Berufsgenossen cher fällt als auf besondere Bücher, noch einmal zur Erörterung einiger Fragen des deutschen Unterrichts anregen zu dürfen.

Ganz besonders haben ihn dazu die Worte Ph. Wackernagels ¹) bewogen:

Das Amt eines deutschen Sprachlehrers ist ein königliches, ein hohepriesterliches Amt. Er steht nicht im Namen der Schule, nicht im Namen einer Prüfungskommission, an die er einmal seine Schüler überliefern müsste, nicht im Namen einer Bildung, die der heutige Tag fordert, sondern im Namen des Volkes vor dem Schüler, des ewigen Volkes, das in allem Wechsel sich gleichbleibt.

Wenn der Knabe mit 9 oder 10 Jahren in die höhere Schule eintritt, so hat er auf dem Gebiete der Muttersprache gerade die grössten Schwierigkeiten überwunden. Er kann deutlich sprechen, er kann auch einigermassen geläufig lesen, und auch im Schreiben ist er über die schwerste Zeit hinaus. Jetzt erst kann er sich auf diesem Felde mit Lust bewegen. Er ist in dem Alter, wo er in Gedanken die weite Welt durchschweift, wie ein junger Vogel sich den Lüften hingibt, um die Kraft seiner Schwingen zu erproben. Das ist aber auch die Zeit, wo sich seine Sprachkraft am raschesten entwickelt. Man hat beobachtet, dass Schüler in den unteren Klassen durchgängig frisch und unbefangen erzählen, während später, wo der UÜbergang vom unmittelbaren Gefühl zur bewussten Reffexion eintritt, eine Stockung in der sprachlichen Entwicklung zu erkennen ist ²).

Dieser Entwicklung der Sprachkraft leistet nun die höhere Schule durchaus keinen Vorschub, im Gegenteil, sie tritt ihr hindernd in den Weg. Kaum hat der Schüler sein geliebtes Deutsch einigermassen verstehen gelernt, so muss er eine fremde Sprache anfangen und kur⸗z darauf eine andere und dann noch eine. Muss ihm da nicht der Gedanke kommen, dass sein Deutsch eigentlich bloss dazu da ist, dass man mittels desselben fremde Sprachen lernt? Wenn man einem Sextanerchen gleich 9 Stunden Latein aufbürdet, so muss sich ja seine eigene Natur

¹) Ph. Wackernagel, Der Unterricht in der NMuttersprache. Stuttgart 1851. Schrader(Erziehungs- und Unterrichtslehre S. 440) nennt dieses Buch ein goldenes, das überhaupt kein Lehrer ungelesen lassen sollte. ²) Vgl. Verhandlungen der 20. Direktoren-Versammlung in der Provinz Westfalen 1881, S. 137.