des Grases gar nicht, er mag noch so voll strömen; in kleinen Gräben muss sein Wasser in den Rasen hinein, an die Wurzeln jedes Gräschens geleitet werden, dann kann die Wiese sich mit frischem Grün schmücken. Besitzen wir aber nicht schon den Hauptteil der Arbeit einer solchen Akademie in dem Wörterbuche der Brüder Grimm, und erfüllt dieses seinen Zweck, wenn es in den Bibliotheken steht, um dann und wann einmal bei einer wissenschaftlichen Arbeit wegen eines dunklen Wortes aufgeschlagen zu werden? Jakob Grimm hat ein anderes Ziel im Auge gehabt, denn er sagt in der Vorrede:
„Einen Haufen Bücher mit übel erfundenen Titeln gibt es, die hausieren gehn und das bunteste und unverdaulichste Gemisch des mannigfalten Wissens feil tragen. Fände bei den Leuten die einfache Kost der heimischen Sprache Eingang, so könnte das Wörterbuch zum IIausbedarf, und mit Verlangen, oft mit Andacht gelesen werden. Warum sollte sich nicht der Vater ein paar Wörter ausheben und sie abends mit den Knaben durchgehend zugleich ihre Sprachgabe prüfen und die eigene anfrischen? Die Mutter würde gern zuhören. Frauen mit ihrem gesunden Mutterwitz und im Gedächtnis gute Sprüche bewahrend, tragen oft wahre Begierde ihr unverdorbnes Sprachgefühl zu üben, vor die Kisten und Kasten zu treten, aus denen wie gefaltete Leinwand lautere Wörter ihnen entgegen quellen: ein Wort, ein Reim führt dann auf andere, und sie kehren öfter zurück und heben den Deckel von neuem. Man darf nur nicht die fesselnde Gewalt eines nachhaltigen Füllhorns, wie man das Wörterbuch zu nennen pflegt, und den Dienst, den es thut, vergleichen mit dem ärmlichen eines dürren Handlexikons, das ein paarmal im Jahr aus dem Staub unter der Bank hervorgelangt wird, um den Streit zu schlichten, welche von zwei schlechten Schreibungen den Vorzug verdiene oder die steife Ver- deutschung eines geläufigen fremden Ausdrucks aufzutreiben.
Wer mag berechnen, welchen Nutzen das Wörterbuch dadurch stiftet, dass es unvermerkt gegenüber denen, die sich mit fremden Sprachen brüsten, eine lebhaftere Erfindung für den Wert, häufig die Überlegenheit der eigenen einflösst und die Vorlage anschaulicher Beispiele, ganz abgesehen von dem, was sie beweisen sollen, Liebe zu der einheimischen Literatur stärker weckt“. Und am Schlusse der Vorrede ruft er den Deutschen zu:„Deutsche geliebte Landsleute, welches Glaubens ihr seiet, tretet ein in die euch allen aufgethane Halle eurer angestammten Sprache, lernet und heiliget sie und haltet an ihr, eure Volkskraft und Dauer hängt in ihr“.
Wird dieser Einladung Folge geleistet?
Wenn das ganze Volk wieder mit Liebe und Eifer für seine Sprache erfüllt werden soll, so kann dies nur durch die deutsche Schule geschehen.
Wenn die Muttersprache das heiligste Besitztum eines Volkes ist, dann wird man wohl mit Hildebrand ¹) behaupten dürfen, dass sie auch der wichtigste Gegenstand aller unserer Schulen, der niederen und der höheren sei. Wird das zugegeben, so muss man sich wundern, wie spärlich diesem wichtigsten Gegenstande in der höheren Schule die Zeit zugemessen ist. Das ist aber noch nicht das Schlimmste. Ein schwerer Übelstand, ja ein nationaler Notstand ist es, dass der Unterricht im Deutschen den Lehrern im allgemeinen nicht als der leichteste und
¹) R. Hildebrand, Vom deutschen Sprachunterricht in der Schule und von deutscher Erziehung und Bildung überhaupt. Leipzig 1879. 1-


