Aufsatz 
Über die Pflege der Muttersprache in den höheren Schulen / von Ferdinand Schmidt
Entstehung
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Arndt sagt, eine Quelle der Glückseligkeit, weil das vielfachere Verständnis und Empfängnis der Dinge die lauterste Seelenspeise ist, eine Erhebung über das Eigene und Volkstümliche hinaus. Aber, fährt er fort, wenn die Achtung und Verehrung des Fremden Verachtung und Schändung des Eigenen, wenn die Nachahmung Nachäfferei wird, dann ist es das Unseligste und Tadelns- würdigste sowohl für uns als für andere.

Wenn Arndt heute wiederkäme und die altdeutschen Wein- und Bierstuben sähe, dann Tische aus dem Holze der deutschen Eiche, der geschnitzten Stühle, der alten Humpen auf den Gesimsen sicherlich denken, seine lieben Deutschen hätten sich endlich besonnen und seien in sich gegangen, hätten angefangen, den Wert des Eigenen zu erkennen und sich des eigensten Besitzes zu erfreuen. Dann aber müsste er eine Zeitung in die Hand nehmen und folgende Sätze lesen:Das Ministerium Perier consolidierte sein Regierungs- system nach den Prinzipien der Contrerevolution. Die perfide Maxime der Nicht-Intervention ward, mit allen Consequenzen adoptiert, und vergebens protestierten die opponierenden Departements gegen die Vermögensaristokratie der Centralisation und die Corruption der Local-Administration.

würde er angesichts der mächtigen

Das würde er wohl Schändung des Eigenen und Nachäfferei des Fremden nennen.

Wenn, wie W. v. Humboldt sagt, die Sprache gleichsam die äussere Erscheinung der Völker, die sinnliche Darstellung ihres Geistes ist, dann bedeutet Missachtung der eigenen Sprache Missachtung des eigenen Wesens, die beim ganzen Volke gerade wie beim einzelnen Menschen nur traurige Folgen haben kann.

Es ist nicht der Zweck dieser Arbeit, dies näher zu erörtern, auch würde es zu weit führen, den Quellen jenes schimpflichen Sprachengemenges nachzuspüren und zu untersuchen, welche Leute sich hauptsächlich die Einführung so viel fremder unnötiger Ware zu schulden kommen lassen. Im allgemeinen aber wird man wohl sagen dürfen, dass eine solche Vernach- lässigung der Sprache, wie sie bei uns Deutschen sich zeigt, nur möglich ist, wenn ein Volk kein Gefühl mehr für Reinheit und Schönheit seiner Sprache hat.

Wie soll nun den Deutschen der Sinn für ihre Sprache geweckt werden? Es genügt nicht, die Fehler aufzuzeigen und lange Listen anzufertigen, auf denen alles verzeichnet ist, was nicht deutsch ist, denn diejenigen, die diese Listen lesen, sind meistens nicht die, denen eine Belehrung über die Sprache not thäte.

Du Bois-Reymond pträumt eine Kaiserliche Akademie der deutschen Sprache, welche den Wortschatz der deutschen Sprache sammeln, ihre Gesetze ergründen müsste. Die äussere Anerkennung literarischen Verdienstes durch Aufnahme in die Akademie und durch Preise würde, so meint er, unfehlbar nützlichen Wetteifer in richtiger und schöner Behandlung der Sprache erwecken und allmählich dahin führen, dass die schmähliche Gleichgiltigheit gegen die Form der Rede und die barbarische Geringschätzung stilistischer Bemühungen einem Streben nach Voll- kommenheit und einem Gefühl für nationale Würde auch in diesen Dingen wiche. Dieser Akademie müssten freilich wissenschaftliche, politische und städtische Körperschaften, gelehrte und literarische Vereine, Buchdrucker und Verleger, die höhere Tagespresse, vor allem aber die Schulbehörden mit gutem Willen entgegenkommen. In der That könnte eine in einsamer Höhe thronende Akademie keinen Nutzen stiften, wenn nicht eine innige Verbindung zwischen ihr und dem Volke hergestellt wäre. Ein Bach, der an den Wiesen vorbeiläuft, fördert das Wachstum