Uber die Pflege der Muttersprache in den höheren Schulen.
Von dem ordentlichen Lehrer Dr. Ferdinand Schmicdt.
Viele Klagen sind im Verlaufe der letzten Jahre über die zahlreichen Missbräuche laut geworden, die in der heutigen deutschen Schriftsprache zu Tage treten ¹).
Gegenstand dieser Klagen sind vor allem die Fremdwörter, die wie ein Unkraut, das nicht vergeht, in dem Garten der Muttersprache wuchern und den einheimischen Kräutern und Blumen den Platz streitig machen. Dieselben erfreuen sich nicht bloss der allgemeinen Duldung, sondern sind zu solchem Ansehen gelangt, dass für einen Barbaren gilt, wer sich ihrer nicht richtig bedient, während man sich an der Muttersprache ungestraft vergreifen darf. Zum Gefolge der Fremdwörter gehören die Nachahmungen fremder Konstruktionen, z. B. die Gallicismen, die, wie Brandstäters ausserordentlich reichhaltige Sammlung zeigt, besonders auf dem Gebiete der neueren Unterhaltungsliteratur zu finden sind. Dazu kommen nun noch eine Menge anderer Verstösse, die nicht durch fremden Einfluss bedingt sind, dem Geiste der Muttersprache aber nicht minder zuwiderlaufen als jene. Es ist selbstverständlich, dass bei einem so lebhaften Verkehre der Völker, wie er in unserer Zeit besteht, auch Wörter hinüber und herüber wandern. Nichts wäre erfolgloser, als wenn man diese harmlosen Fremdlinge alle über die Grenze weisen wollte. Erfolglos wäre das überall, aber ganz besonders in Deutschland, denn der Deutsche hat eine gewisse Leichtigkeit und Fähigkeit das Fremde zu verstehen, ja sogar die Neigung, das Fremde nachzuahmen, und zwar nicht bloss auf dem Gebiete der Sprache ²). Dies ist aber, wie
¹) Vergl. Keller, Deutscher Antibarbarus. Stuttgart 1879. Brandstäter, Die Gallicismen in der deutschen Schriftsprache. Leipzig 1874. Lehmann, Sprachliche Sünden der Gegenwart. Braunschweig 1877. Stickelberger, Missbräuche in der heutigen deutschen Schriftsprache. Burgdorf 1882. Kelle, Die Verwälschung der deutschen Sprache. Breslau, Schottländer. Du Bois-Reymond, Über eine Akademie der deutschen Sprache. Berlin 1874. Engel, Die Übersetzungsseuche in Deutschland. Leipzig 1881. Sanders, Deutsche Sprachbriefe. Berlin, Langenscheidt. Br. 1.
²) E. M. Arndt, Über Volkshass und über den Gebrauch einer fremden Sprache. Arndts Schriften für und an seine lieben Deutschen, Band 1, S. 353 ff.
Frédéric-Constant de Rougemont sagt: L'Allemand voyage dans chaque pays et dans chaque siècle pour recueillir ce qu'il y a de beau, de vrai et de bon chez les nations étrangères. Cette facilité à tout comprendre dégénère en une habitude de tout admirer, de tout imiter, en une fausse modestie qui vous fait oublier vos propres richesses, et la fierté individuelle et nationale finit par Saltérer et se perdre.


